Beth Gibbons: Lives Outgrown

Beth Gibbons credit Netti Habel

Ein bewegendes Album der Ausnahmekünstlerin Beth Gibbons übers Älterwerden und Loslassen

von Sebastian Meißner

Beth Gibbons gehört nicht gerade zu den Vielveröffentlichenden. Das letzte Album ihrer Band Portishead liegt 16 Jahre zurück. Ihr letztes Solo-Album gar 22. Doch auch ohne Dauerpräsenz hat die inzwischen 59-Jährige einen festen, unumstößlich hohen Status unter den Songwriterinnen ihrer Generation. Denn ihre Offenheit und Zerbrechlichkeit, ihre schonungslose Innenschau hebt ihre Musik deutlich ab von der Masse. Gibbons verarbeitet in ihren Songs das Leben, nutzt sie, um zu bewältigen, zu reflektieren und zu transformieren. In ihrer Stimme spiegelt sich ihr Inneres. Und so sind ihre Platten und Konzerte in einem Maße intim, dass es einem in gleichem Umfang viel abverlangt wie es bereichert. Es sind zudem die einzigen Möglichkeiten, mit ihr in den Austausch zu treten. Denn Gibbons gibt keine Interviews. Musik und Texte sollen für sich sprechen.

Vertonte Abschiede

Beth Gibbons Live Outgrown Albumcover

Auf dem

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neuen Album „Lives Outgrown“ – so viel immerhin wurde im Vorfeld kommuniziert – geht es um Themen wie das Älterwerden, um Abschiede, um Mutterschaft, Wechseljahre und den Tod. Zehn Jahre lang habe sie an diesen Stücken gearbeitet und sich mit und in ihnen der Vergänglichkeit gestellt. Es wundert entsprechend nicht, dass die Musik auf dieser Platte melancholisch klingt. Nicht verzweifelt oder anklagend wohlgemerkt. Denn – und das ist bei der Rezeption dieser Songs wichtig – Gibbons wertet nicht. Sie berichtet lediglich. Bei der musikalischen Umsetzung der Stücke half ihr diesmal vor allem von Arctic Monkeys-Produzent James Ford und Ex-Talk Talk-Drummer Lee Harris. Deren letzte Werke waren möglicherweise eine Blaupause für „Lives Outgrown“. Denn auch hier werden die Drums sanft bespielt, sind Flöten zu hören, darf der einzelne Akkord stehen und wirken.

Beth Gibbons bleibt eine Ausnahmekünstlerin

Am ergreifendsten sind „Lost Changes“, „Reaching Out“ und „Oceans“. In diesen Songs bilden Stimme (der WDR nennt sie „die traurigste Stimme der Musikwelt“), Musik und Worte eine besonders magische Einheit. Im Grunde gilt das aber für das gesamte Album. Die Songs bleiben hängen, wirken nach und entfalten sich. So wie es im besten Fall bei großer Musik ist.

Gibbons deutete an, dass dieses Album ihr letztes (Solo-)Album sein könnte. Sie bleibt eine Wenigveröffentlichende. Und eine Ausnahmekünstlerin.

„Lives Outgrown“ von Beth Gibbons erscheint am 17.05.2024 bei Domino. (Beitragsbild von Netti Habel)

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