Beth Gibbons live in Berlin 2024

Beth Gibbons live Zürich 28.05.2024 by CD Photography

The mysteries of Beth Gibbons: Die Portishead-Sängerin führte in beeindruckender Manier ihr atemberaubendes neues Album „Lives Outgrown“ in Berlin auf

von Gérard Otremba

Beth Gibbons lächelte. Bereits während des Auftritts am 02.06.2024 in der ausverkauften Berliner Uber Eats Music Hall, und am Ende ebenfalls. Als ob die schwere Last des Leidens von ihren schmalen Schultern abgefallen wäre. Das Leidende, das Schwermütige verkörpert die 1965 in Exeter, Großbritannien geborene Singerin-Songwriterin wie kaum eine andere in der Indie-Popwelt der letzten 30 Jahre. Schon als Sängerin des in Bristol gegründeten Trios Portishead legte Beth Gibbons mit ihrem stets sehr fragilen und so unfassbar traurigen Gesang eine verletzte Seele offen dar, mithin war der Portishead-Sound der Gegenentwurf zur hedonistischen Spaßgesellschaft der 90er-Jahre. Nur hatten die dem sogenannten Trip-Hop zugerechneten Soundscapes Portisheads schon immer einen wesentlich größeren Genussfaktor als die überflüssigen Mainstream-Entwürfe der damaligen Zeit.

Von Portishead zu „Lives Ungrown“

Nach den zwei Portishead-Alben „Dummy“ (1994) und „Portishead“ (1997) ließ es Beth Gibbons anschließend sehr geruhsam angehen. Mit Talk-Talk-Bassist Paul Webb, alias „Rustin Man“, veröffentlichte sie 2002 die hinreißende Platte „Out Of Season“, 2008 das dritte Portishead-Album,, und dann hat man lange nichts mehr von dieser sehr zurückhaltenden und eher medienscheuen Dame (Gibbons steht der Presse nach wie vor nicht für Interviews zur Verfügung) gehört. Aber wenn die nunmehr 59-Jährige Musik veröffentlicht, dann mit Nachdruck. Und so verwundert es nicht, dass auch ihr neues und erfolgreiches Werk „Lives Outgrown“ (Top-Ten-Platzierung im UK und in Deutschland) nicht nur von Sounds & Books mit einer einer überschwänglichen Review bedacht worden ist. Immerhin geht sie mit einer siebenköpfigen Band wieder mal auf Tour und gastierte, allerdings für nur ein Konzert, in Deutschland.

Bill Ryder-Jones als Support von Beth Gibbons

Als Support holte sich Gibbons Bill Ryder-Jones an Bord, der mit Evelyn Halls am Cello sehr dezent arrangierte Stücke spielte, darunter „This Can’t Go“ aus dem aktuellen Album „Iechyd Da“, eine Überwältigungs-Hymne, live im Vorprogramm von Beth Gibbons auf den akustischen Kern reduziert. Ryder-Jones hinterließ einen leicht verpeilten, jedoch sehr sympathischen Eindruck. Beth Gibbons indes war mit dem großen Besteck unterwegs, um das gesamte neue Album aufzuführen. Mit einem Pop-Konzert im herkömmlichen Sinn hatte der Auftritt nichts zu tun. Viel mehr glich er einer Inszenierung, manmchal gar einer Andacht, bei der jeder Ton perfekt saß. Das war so beeindruckend wie erhaben, auch der vortreffliche Sound in der Halle trug zum peniblen und detailverliebten Gesamtbild bei.

Pastoraler Folk und polyrhythmisches Drama

Streicher, Flöte, Bassklarinette, Marimba, Orgel/Keyboard, Percussion, Schlagzeug, Bass und Gitarren waren die Antriebsfedern zwischen Entrücktheit, Wehmut und Anmut. Gibbons‘ Songs vereinten das britische Credo zwischen Kate Bush („For Sale“) und Nick Drake („Whispering Love“). Pastoraler Folk und polyrhythmisches Drama, man stand oder saß ehrfurchtsvoll und ergriffen vor diesem superben Geschehen auf der Bühne. Die im lässigen Schlabberlook gekleidete Beth Gibbons dabei zumeist im Schatten stehend, beim Singen wie üblich mit beiden Händen fest das Mikro umklammernd, oder ikonographisch eine Hand am Mikro und den Körper halb zur Seite drehend.

Man liegt Beth Gibbons zu Füßen

Und dann diese großartigen Songs. Der düstere Opener „Tell Me Who You Are Today“, das melodisch zugängliche „Floating On A Moment“, das getragene, majestätische und melodramatische „Lost Changes“ und von der „Out Of Season“-Scheibe das immer noch Tränen verursachende „Mysteries“ (für mich immer noch einer der schönsten Beiträge zum Thema Melancholie in der Popkultur) sowie das pathetische und einem Filmscore sehr nahe stehende „Tom The Model“ (damals eine Art gefühlter Hit). Okay, das Konzert dauerte nur 70 Minuten, mit „Roads“ lediglich ein Portishead-Song (langjährige Fans hätten sicherlich gerne noch vier, fünf weitere Klassiker gehört), aber für Beth Gibbons war alles gesagt (Dankesworte inklusive). Am Ende ließ sie einem keine andere Wahl: Man musste ihr einfach zu Füßen liegen. Wahnsinns-Konzert.

(Beitragsbild: Beth Gibbons live in Zürich, 28.05.2024,Credit: CD Photography)

Kommentare

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    Bill Ryder-Jones war nicht nur verpeilt, sondern bot auch so ziemlich das langweiligste, das ich seit Langem als Vorband gehört und gesehen habe. Kann sicher funktionieren, wenn Songs so viele Gitarren-Akkorde wie Lyrik-Zeilen zu bieten haben (ergo max. 3), aber dann muss das Ganze auch seriös und professionell rübergebracht und Songs zumindest vernünftig zu Ende gespielt werden. Verpeilt, unprofessionell, überheblich und langweilig … so würde ich den Auftritt des mir bislang unbekannten Bill Ryder-Jones beschreiben, der sich und auch Beth Gibbons mit seiner Performance keinen Gefallen getan hat – einmal mehr bei dem doch etwas kurz geratenen Hauptkonzert.

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