
Tocotronic: Denn sie wissen, was sie tun – Song des Tages
22. Oktober 2024
Chance Peña live in Köln 2024 – Konzertreview
22. Oktober 2024Jetzt also auch von Ben Folds ein Weihnachtsalbum – muss das sein? Auf jeden Fall, denn „Sleigher“ meidet die üblichen Stolperfallen.
von Werner Herpell
Seien wir mal ehrlich: Weihnachtsalben von Rock- und Popmusikern sind meist nervig. Immer die gleichen ollen, süßlichen „Jingle Bells“- und „Winter Wonderland“-Kamellen, immer dieser Abzocke-Verdacht: Okay, jetzt macht der/die auch noch einen schnellen Reibach vorm Fest. Und rein künstlerisch sind selbst die festlichen Songsammlungen großer Ikonen meist dürftig. Oder mag jemand ernsthaft „Christmas In The Heart“ zu den wichtigeren Erzeugnissen der Karriere Bob Dylans zählen, oder „The Beatles Christmas Album“ zu den Highlights der Fab Four?
Ein paar positive Ausnahmen
Es gibt ein paar Ausnahmen – nämlich dann, wenn Popmusiker statt der oder zumindest neben den meist uralten Klassikern auch eigene Kompositionen mit weihnachtlichem Flair zum Besten geben. „One More Drifter In The Snow“ von Aimee Mann fällt mir da ein, eine Platte, auf der die große US-Singer-Songwriterin 2006 Lieder aus eigener Feder und der ihres Ehemannes Michael Penn sowie weniger ausgelutschte festliche Songs präsentierte. Oder „The Pianoman At Christmas“, das der britische Jazz-Pop-Sänger Jamie Cullum 2020 mit lauter schönen Originalsongs rund um Weihnachten bestückte.
Aber sonst? Wenig Lametta für die Ohren.
Jetzt kommt eine Ausnahme hinzu: „Sleigher“ vom Piano-Pop-Großmeister Ben Folds ist eine Platte, die man eigentlich auch im Frühjahr, Sommer, Herbst mit Genuss hören kann. Denn hier werden, wie bei den oben Genannten, überwiegend selbstgeschriebene Weihnachtslieder oder „Re-Imaginationen“ geliefert – insgesamt, abgesehen von den Texten, diverse Songs, die auch auf anderen, normalen Alben dieses fantastischen Komponisten auftauchen könnten.
„Sleigher“ macht Spaß
Dass der 58-jährige Amerikaner ein schräger Vogel und augenzwinkernder Schelm ist, deutet schon der Albumtitel „Sleigher“ an – wohl nicht ganz zufällig nach dem Namen einer Thrash-Metal-Band klingend, die mit dem christlichen Fest womöglich wenig am Hut hat. Und mit „Xmas Aye Eye“ hat er einen ziemlich verrückten Song unter die Folds-typisch gefühlvollen Balladen und Midtempo-Lieder gemischt, der das ganze Unternehmen auf die Schippe nimmt. Zudem hat er „The Christmas Song“ – mit Lagerfeuer-Gitarre und Mundharmonika, was beim jazz-informierten Pianisten Folds selten vorkommt – als Traditional auf die Platte gepackt.
Ansonsten ein Instrumental als Opener („Little Drummer Bolero“, der Titel natürlich eine Anspielung auf den berühmten „Little Drummer Boy“) sowie sechs eigene Songs. Und die sind großartig. Also wie man es von Ben Folds, der mit seinem jüngsten Album „What Matters Most“ auch die S&B-Schreiber bis zu den 2023er Jahresbestenlisten begeisterte, quasi gewohnt ist. Mit Melodien und Lyrics, die zwischen Burt Bacharach, Paul McCartney, Randy Newman und Brian Wilson zu verorten sind – besonders zu empfehlen die wie künftige Weihnachtslied-Klassiker klingenden Sixties-Pop-Juwelen „Sleepwalking Through Christmas“, „Christmas Time Rhyme“ und „We Could Have This“ sowie das Bacharach-Cover „The Bell That Couldn’t Jingle“.
Kein klassisches Weihnachtsalbum von Ben Folds
„Das Ergebnis ist weniger ein klassisches Ben-Folds-Weihnachtsalbum als vielmehr eine Ben-Folds-Platte zu Weihnachten“, schreibt zutreffend sein Label. Der Künstler selbst drückt es so aus: „Weihnachten ist eine Konstante. Es erlaubt dir, eine Bestandsaufnahme zu machen, was anders ist, zu verstehen, wer du bist und wie du gewachsen bist und dich verändert hast.“ Ein feiner festlicher Songreigen ist dieses „Sleigher“-Album – und zugleich auch ein großer Spaß. Darf dieses Jahr gern unter den Weihnachtsbäumen vieler Indie-Pop-Fans landen.
Das Weihnachtsalbum „Sleighter“ von Ben Folds erscheint am 25.10.2024 bei New West Records/Redeye/Bertus.





