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10. Oktober 2024Besser geht’s nicht: Das legendäre Azimuth-Album von 1977 erscheint nun in der wundervollen Luminissence-Vinyl-Reihe von ECM Records.
von Sebastian Meißner
Norma Winstone ist DIE weibliche Jazz-Stimme Großbritanniens. Einen ihrer absoluten Karrierehöhepunkte hört man auf diesem Album von 1977. Über einem plätschernden analogen Synthesizer und gelegentlichen Verzierungen von Klavier und Trompete hören wir ihre sanfte Stimme, die von einer Reise erzählt: „Travelling forever in the dark / Darkness into blackness.” Klar, die Rede ist von „The Tunnel“, einem Song, der bei jedem Hören aufs Neue verzaubert, bewegt, sprachlos macht.
Ein halbes Jahrhundert vor Drake
47 Jahre später sind diese Zeilen Winstones und 64 Sekunden dieser kosmischen Komposition in einem der größten Rap-Hits der Gegenwart zu hören und wurden seit seiner Veröffentlichung im Oktober 2023 weit über 100 Millionen Mal auf Spotify angehört wurde. Klar, es handelt sich um „IDGAF“ von Drake und Yeat. Und auch den jungen Hörer:innen ist klar, – so ist zumindest den Kommentaren unter dem YouTube-Video zu entnehmen– dass das Beste an diesem Song das Azimuth-Sample ist.
Tolle Reihe von ECM
Nun also erscheint das dazugehörige Original-Album in der tollen Luminissence-Reihe von ECM Records, in der Katalog-Juwelen auf audiophilem Vinyl wiederveröffentlicht werden. Laut Labelinfo handelt es sich dabei ausnahmslos um “essenzielle Alben von anhaltender Leuchtkraft”. Besonders schön für Vinyl-Freunde: die wiederveröffentlichten Alben stecken in Gatefold-Covern und enthalten neue Anmerkungen zum historischen Kontext der Aufnahmen. „Azimuth“ ist das Debütalbum des britischen Jazztrios Azimuth und wurde im März 1977 aufgenommen und später im selben Jahr bei ECM veröffentlicht. Hinter Azimuth verbirgt sich ein Trio aus dem Pianisten John Taylor, dem Trompeter Kenny Wheeler und eben jener Norma Winstone. Das Album umfasst sechs Stücke bei einer Spielzeit von rund 44 Minuten.
Azimuth blicken in die Zukunft
Und klar: „The Tunnel“ ist das bekannteste, weil es die Fähigkeit diese Trios, zeitgenössischen Jazz mit kammermusikalischer Haltung zu verschmelzen, perfekt repräsentiert. Die Atmosphäre, die dieses Stück bis heute verströmt, vor allem wegen des arpeggierten Synthesizers, der im Hintergrund schwebt, ist schlichtweg hypnotisierend. in den 1970er jähren war viel Musik ihrer Zeit voraus. Diese hier aber wirkt noch heute wie ein Blick in die Zukunft. Aber auch die anderen Stücke verdienen Beachtung. Der Titelsong zum Beispiel, der eine ebenso starke Sogwirkung entfaltet und genauso futuristisch und fremdartig klingt wie „The Tunnel“. Oder „Siren’s Song“, das verdichtet auf knapp vier Minuten ganz federleicht mehr musikalische Ebenen öffnet und miteinander verschmelzt als man für möglich halten würde. Diese Musik fließt, schwebt, flirrt und flimmert, entsteht permanent, verweigert die finale Form, sie spricht in fremder Sprache, aber direkt zu dir, sie zieht vorbei und hinterlässt dich verändert.
Die Azimuth-Sternstunde
Azimuth machten noch bis ins Jahr 2000 gemeinsam Musik. Auch die Folgealben sind fantastisch. Dieses hier aber ist die Sternstunde, die Blaupause, die Unerreichte. Und das Geheimnis, was hier genau geschehen ist, bleibt auch knapp ein halbes Jahrhundert später ungelöst. Die Lumissence-Serie ist schon jetzt ein Segen. Weil sie so vielen tollen Werken die bestmögliche Audio-Qualität verleiht und in Sounds und Aufbereitung keine Wünsche offen lässt. „Azimuth“ ist dafür das perfekte Beispiel. Was für ein Album, was für ein Glück!
„Azimuth“ von Azimuth erscheint am 29.03.2024 in der Luminissence-Reihe bei ECM Records. (Beitragsbild: Albumcover)




