
Lucy Kitchen: In The Low Light
25. Februar 2026
Iron & Wine: Hen’s Teeth
25. Februar 2026Erschreckend konstant: Archive präsentieren einen düsteren Monolithen aus Sound, Emotion und Atmosphäre
von Sven Weiss
Die Konstanz, mit der das Musikerkollektiv Archive sensationell gute Alben veröffentlicht, ist fast schon erschreckend. Vor allem wenn man bedenkt, dass sie das mittlerweile seit über 30 Jahren tun. Und damit sei auch schon vorweggenommen, dass sich das neue Album „Glass Minds“ nahtlos in diese Reihe fügt.
Vielleicht ist es die kompromisslose Art, mit der die Masterminds Darius Keeler und Danny Griffiths samt ihren immer wieder rotierenden Mannen und Frauen ihre Vision verfolgen, die diese Band so faszinierend macht. Von dieser Vision ließen sie auch nach dem eher sperrigen „The False Foundation“ (2016) nicht ab, sondern servierten als nächstes mit „Call To Arms & Angels“ (2022) ein hundertminütiges Doppelalbum, auf dem sie ihre komplette Soundpalette von Elektropop über Indierock und souligen Balladen bis hin zu voluminösen Progmonstern ausleuchteten. „Glass Minds“ schließt nun eher wieder an den Vorvorgänger an. Es ist kompakter, direkter, aber natürlich auch wieder kompromisslos der Vision der Band untergeordnet.
Musik wie von Stephen King
Und diese Vision scheint eher von dunklen Themen inspiriert. Zumindest drängt sich dieser Eindruck sehr schnell auf, wenn ein bedrohlich-dröhnender Synthesizer in das Album führt und irgendwie so gar nicht mit dem Dröhnen aufhören will. Erst nach anderthalb quälenden Minuten übernimmt ein typisch Archive’sches Keyboard-Arpeggio. Die nervöse Anspannung wird jedoch über die ganzen fast sieben Minuten des Songs niemals aufgelöst. Uff.
Wer sich als Kontrast nun einen leichten Popsong erwartet, sieht sich getäuscht. Der folgende Titeltrack ist eine dunkle, schwergängige Nummer, die sich langsam und monoton tief ins Hirn fräst. Herausragend dabei die Gesangsleistung von Lisa Mottram, die mit einer Mischung aus naiver Kindlichkeit und fast geisterhaft entrückter Zerbrechlichkeit die Härchen auf dem Oberarm des Hörers beschwört. Man wähnt sich eher im berühmten Overlook-Hotel aus Stephen Kings „The Shining“ als zu Hause vor der eigenen Musikanlage.
Archive zeichnen ein düsteres Bild der Welt
Es ist ein ganz schöner Brocken, den uns Archive da vor den Latz knallen. Definitiv kein Soundtrack zum Bügeln. Und nichts, das auch nur im Entferntesten gute Laune macht. Erst mit der Single und einzigem wirklichen Uptempo-Song „Look At Us“ gibt es so etwas wie einen kleinen Aufheller. Das Ding ist durchaus tanz- oder wahlweise headbangbar. Es versteht sich von selbst, dass auch hier nicht gerade von fröhlichen Urlaubserlebnissen die Rede ist. Stattdessen zeichnen Archive ein sehr düsteres Bild der Welt, in der wir gerade leben: „And fires will burn us burn us burn us out / Fear and lies get at us / Close your eyes look at us / Don’t fall down we’re so far gone now”. Wahrscheinlich können sie gar nicht anders. Den geneigten Liebhaber großer Emotionen freut es. Denn das ist natürlich die große Stärke der Band.
Natürlich sind da die atemberaubenden Soundscapes. Aber vor allem treffen Archive ganz ganz tief ins Herz. Sicherlich kann man anmerken, dass die Tricks der Band mittlerweile bekannt sind – die Arpeggios, die motorischen Grooves, die Endlos-Halls. Aber es funktioniert eben auch wunderbar. Und immer wenn man denkt, man weiß was kommt, schlagen Archive eben doch noch einen Haken. Etwa bei „So Far From Losing You”, dem zentralen Stück und wahrscheinlich dem Höhepunkt des Albums, das plötzlich so etwas wie einen positiven Moment beschert. Der Mittelteil des Knapp-Achtminüters streckt die Arme weit aus und will die ganze Welt umarmen. Jaja, das können sie eben auch verdammt gut.
„Glass Minds“ ist eine emotionale Achterbahnfahrt mit Zugabe
Und auch nach dem fast beatlesken “Shine Out Power”, das eigentlich wie der perfekte Abschluss dieser emotionalen Achterbahnfahrt wirkt, gibt es noch eine Wendung. Bei „Heads Are Gonna Roll“ tritt plötzlich Rapper Jimmy Collins ans Mikro. Ein Element, das Archive immer wieder nutzen, das so spät im Albumkontext aber doch etwas überraschend kommt. Tatsächlich wirken die beiden letzten Tracks wie eine Zugabe. Was aber durchaus Sinn ergibt und das emotional aufwühlende Hörerlebnis langsam zu einem Ende bringt. Archive lassen sich eben niemals festlegen. Und bleiben doch ihrer Vision immer konsequent treu.
„Glass Minds“ von Archive erscheint am 27.02.2026 bei Dangervisit. (Beitragsbild von Yagub Allahverdiyev)





