
Schramm: Something Smelling Funny
4. Februar 2026
Elvis Costello live in Deutschland 2026
4. Februar 2026Immer mal wieder bringt die schwarze Musik große Polit-Alben hervor. Das neueste Meisterwerk kommt aus Kanada: „1783“ vom Soul-Sänger und Rapper Lance Sampson alias Aquakultre.
von Werner Herpell
Wer Kanada glorifiziert (ganz aktuell wegen der Qualität seiner demokratischen Kultur und seines Führungspersonals im Vergleich zum aggressiven Nachbarn USA, ich sage nur: Mark Carney versus Donald Trump…), der könnte glatt vergessen, dass auch dieser bessere, friedvollere Teil Nordamerikas seine Unterdrückungsgeschichte hat. Dazu gibt es inzwischen einige erschütternde Studien und Dokumentationen – und Künstler, die den Finger in die Wunde der rassistischen, menschenfeindlichen Verfehlungen Kanadas legen.
Ein hochgradig faszinierendes Konzeptalbum
Beispielsweise der Sänger Lance Sampson, der unter dem seltsamen Moniker Aquakultre seit Jahren tolle Musik macht und nun, mit dem dritten Album „1783“, auf dem Gipfelpunkt seines auch politisch relevanten Songwritings angekommen ist. Denn dies ist nicht nur ein über 17 Tracks hochgradig faszinierendes Konzeptalbum mit einer grandiosen Mixtur aus Seventies-Soul, Jazz, Blues, Funk und HipHop, sondern zudem eine äußerst spannende kanadische Black-History-Erzählung mit teils persönlichen Hintergründen. So geht das im Rhythmus eines Häftlingsmarsches daherscheppernde Blues-Gospel-Stück „Gallows“ auf das Schicksal eines Vorfahren von Lance Sampson zurück:
„Mein Ururgroßvater Daniel Perry Sampson wurde zu Unrecht wegen Mordes verurteilt und 1935 hingerichtet. Seine Geschichte wurde mir von meiner Großmutter Carolyn Sampson erzählt, die immer erkannte, dass etwas faul war, etwas nicht stimmte mit dem, was ihrem Großvater widerfahren war“, sagt der Musiker aus Halifax/Nova Scotia. „Ich habe 90 Jahre später mit dieser Recherche begonnen – und sie hatte Recht, sein Fall war ein Justizirrtum. Das Lied ist aus seiner Perspektive geschrieben, in seinen letzten Momenten vor seiner Hinrichtung am Gerichtsgebäude in Halifax.“
Der Albumtitel ist kein Zufall
Und natürlich ist auch der Albumtitel nicht zufällig gewählt. „Als 1783 der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg zu Ende ging, verließen 3000 Menschen afrikanischer Herkunft New York und segelten nach Nova Scotia, wo ihnen Land und Freiheit versprochen worden waren, und begründeten damit eine einzigartige Kultur in dieser Provinz“, schreibt Sampson alias Aquakultre auf seiner Bandcamp-Seite. Das tief in diese Geschichte einsteigende Album würdige also „einen einzigartig widerstandsfähigen Teil der schwarzen Diaspora, der als Leuchtfeuer für eine bessere Zukunft fungiert“.
All das ist nun schon berührend genug – die elf Songs und sechs Interludes sind es nicht weniger. Bereits der Opener „What Are You Sayin'“ bläst einen mit seinem samtig-jazzigen Motown-Sound in der Tradition eines Marvin Gaye oder Curtis Mayfield regelrecht um. „Holy“, „Black Doll“ und „I’ll Be Damned“ sind ähnlich intensive, aus der schwarzen Musik Amerikas süßesten Honig saugende R&B-Crooner-Balladen, die Sampson als einen der besten, komplettesten Soul-Sänger seit der großen Zeit von Prince präsentieren. Aber es geht auch diverse Male rauer zu, etwa in dem mit Slide-Gitarre folkbluesig aufgeladenen Song „Matriarchs“, in dessen Gospel-Finale die Sängerin Linda Carvery auftrumpft wie eine kanadische Mavis Staples. Und in „Make That Change“, einem Lied über den Kreislauf der Gewalt innerhalb seiner Community, erweist sich Sampson auch noch als formidabler Rapper.
„My son will be a good man“
Die zwischen den Songs plazierten Interludes lassen entweder Verwandte von Lance Sampson in alten Aufnahmen zu Wort kommen („Old Bones“) – oder den Sänger selbst, der etwa im Spoken-Word-Stück „Father’s Fresh Start“ von toxisch veranlagten männlichen Vorfahren erzählt, deren Negativ-Beispiel ihn zu einem besseren Menschen und Vater gemacht habe („My son will be a good man“). Das Ungewöhnliche ist, dass diese kurzen, hörspielartigen Stücke den wunderbaren Flow des Albums nicht unterbrechen, sondern den erzählerischen Bogen von „1783“ perfekt ergänzen. Mit dem Soul/HipHop-Closer „Scotia Born“ geht dieses Black-Music-Meisterwerk angemessen hymnisch zu Ende.
Es ist keine kleine Sensation, wie leicht und zugänglich „1783“ letztlich klingt – geht es in den Texten doch um „das jahrhundertelange Gewicht, das auf schwarzen Körpern, schwarzen Familien, schwarzer Erinnerung und schwarzer Vorstellungskraft lastet“, wie der „Gallows“-Videoregisseur Sobaz Benjamin (bekannt für seine Dokumentation „Race Is A Four Letter Word“) betont. Es gehe bei diesem Konzeptalbum „um die Architektur der Unterdrückung, ja, aber viel tiefer geht es darum, was wir damit gemacht haben. Es geht um das Wunder der Transformation.“
Aquakultre mit Appell zur Verbundenheit
Lance Sampson spricht – mit etwas anderen Worten – von einem „Appell, wieder zu Verbundenheit und Gemeinschaft zurückzufinden“. Nein, es verwundert nicht, dass eine politisch so ambitionierte und zugleich versöhnliche Platte 2026 nicht aus den kaputten USA kommt, sondern aus dem viel freundlicheren Nachbarland Kanada.
Das Album „1783“ von Aquakultre erscheint am 06.02.2026 bei Next Door Records. (Beitragsbild von John Walsh)





