All Them Witches: Nothing As The Ideal

All Them Witches: Nothing As The Ideal

Das bisher reifste Werk der Nashville-Rock-Band All Them Witches

All Them Witches aus Nashville, Tennessee, könnte man, wenn man nicht genauer hinschaut, als eine unter vielen Retrorockbands bezeichnen, die seit 2012 das interessierte Publikum bespaßt. Nicht nur ihre letztjährige Position als Headliner beim Berliner Desertfest ist jedoch ein Indikator für den Umstand, dass die einst beim hochklassigen Münchener Szene-Label Elektrohasch gestartete Formation etwas Besonderes darstellt, sondern auch ihr dynamisches Changieren zwischen hartem, rifflastigen Rock, dem dazu kontrastiererenden, entspanntem Storytelling sowie ihren musikalischen Einflüssen zwischen Stoner- Psychedelic- oder Roots-Rock. Alle bisher veröffentlichten fünf Studio-Alben sowie die beiden Live-Scheiben und diverse EPs stellen ein erlesenes Klangabenteuer dar – dieses, ihr sechstes Studiowerk, ist dabei keine Ausnahme und wird von den Pressekollegen unisono als ihr bisher bestes angepriesen.

All Them Witches mit verändertem Klang

All Them Witches Nothing As The Ideal Cover New West Records

Wieso? Die Unterschiede zu den Vorgängern liegen neben der veränderten Besetzung im Klang. Aufgenommen in den legendären Londoner Abbey-Road-Studios (obwohl die Band ihr eigenes in der Peripherie Nashvilles besitzt) kurz vor dem Lockdown und während daheim ein Hurricane Verwüstung anrichtete, agieren ATW erstmals als Trio, nachdem ihr Keyboarder sie 2018 verließ und die kreative Chemie mit dessen Nachfolger nicht zu stimmen schien. Bleiben also Schlagzeug (Robby Staebler), Bass wie Gesang (Charles Michael Parks jr.) neben Gitarre (Ben McLeod), die etwas weniger jamlastig als bei den Alben zuvor ihre Songs verdichten und trotz unterschiedlichen musikalischen Schwerpunkten bei jedem Stück die Platte geschlossen wirken lassen. Langsam zieht der Opener „Saturnine & Iron Jaw“ einen in das Album hinein wie in einen John Carpenter-Film, inklusive Glocken, Elektronik und Geröchel, bis eine relaxte Bluesgitarre den Weg ebnet zu dem Riffrock, den man von Desertfest-Headlinern erwartet.

Appalachian-Folk, Fuzzgitarren und Pink-Floyd-Einflüsse

Doch dabei bleibt es nicht: Weiter geht die Reise mit sanften wie effektvollen Gitarrenzwischenspielen („Everest“) zu weiteren unheilgeschwängerten Soundeffekten, die in den psychedelischen Sog von „See You Next Fall“ münden. „The Children Of Coyote Woman“ präsentiert eine verstorbene Figur des zweiten Albums wieder und setzt die Geschichte der USA in Relation zu der Roms, erlesen rootslastig performt in bester Appalachian-Folk-Manier. Experimenteller und rifflastiger geht es weiter mit „41“, bei dem Fuzzgitarren auf Postrockwände treffen. Tempo wie auch Atmosphäre werden bei „Lights Out“ nochmal kräftig angezogen, bevor einen „Rats In Ruin“ (eigentlich zwei Stücke in einem – ein ruhiger, erdender Closer zu Beginn, der am Ende noch mal langsam anzieht und die unterschwellig häufig spürbaren Pink-Floyd-Einflüsse perfektioniert) wieder in die Welt entlässt mit dem Verlangen, die Reise gleich wieder von vorne zu beginnen.

All Them Witches liefern ein Rock-Highlight des Jahres

Was Texter Parks bei seinen Assoziationen alles so umtreibt ist selbst seinem Bandkollegen Staebler zu hoch, wie er im Interview im aktuellen Visions zugibt. Parks selber bleibt kryptisch und verweist auf chinesische Philosophie, anderswo wird Schamanismus ins Spiel gebracht. Was auch immer das konkret bedeuten mag: Der spirituelle Überbau hat definitiv nicht geschadet, All Them Witches bisher reifstes Werk in der Reihe ihrer hochwertigen Veröffentlichungen Leben zu geben. Ein Rock-Highlight des aktuellen Jahres, unbedingte Hörempfehlung.

„Nothing As The Ideal“ von All Them Witches erscheint am 04.09.2020 bei New West Records / PIAS. (Beitragsbild von Joe Charlton)

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