Ian McEwan: Die Kakerlake – Roman

Ian McEwan: Die Kakerlake – Roman

Eine kurzweilige und böse Brexit-Satire von Ian McEwan

Zunächst steht natürlich die Verbeugung vor Franz Kafka. Bereits der erste Satz in Ian McEwans neuem Roman verweist auf die berühmte Erzählung „Die Verwandlung“ des deutschen Vorzeigeschriftstellers. Allerdings mit vertauschten Vorzeichen. Bei Ian McEwan verwandelt sich eine Kakerlake in den amtierenden britischen Premierminister, dem der Autor, frei nach Kafkas Protagonist Gregor Samsa, mit dem Namen Jim Sams bedacht hat. Nachdem sich die Kakerlake langsam an ihren neuen Körper gewöhnt hat, legt sie mit ihrer Arbeit los, die nur ein Ziel verfolgt, die Einführung des Reversalismus.

Brexit und der Reversalismus

Ian McEwan Die Kakerlake Diogenes Verlag

Hinter dieser Wirtschafts- und Gesellschafts-Theorie steckt die Umkehrung des Geldflusses. Die beschäftigten Bürger bezahlen also ihren Arbeitgeber in der Höhe des vereinbarten Lohns. Das nötige Geld erhalten sie beim Einkaufen für den Preis der Waren. Je höher der Verdienst, desto größer der Konsum. Das Geld muss ständig ausgegeben werden, Überschüsse sind nicht erlaubt, die Ankurbelung der Wirtschaft und die Verteilung des Vermögens ist der Sinn hinter der Idee. Eine interessante und wahnwitzige zugleich.

Um seine Mission zu vollenden, sind Jim Sams alle Mittel recht. Er entlässt seinen persönlichen Berater, er verbreitet Fake News über soziale Medien, ist sich keiner Verleumdungskampagne zu schade, um Gegner und Parteimitglieder anderer Meinung vorzuführen und bloßzustellen, bricht mit den Franzosen einen verheerenden Streit vom Zaun und biedert sich beim amerikanischen Präsidenten an. Ian McEwan zeichnet Jim Sams, aus dessen Perspektive er die Geschichte erzählt, als einen intriganten, manipulativen und machtbesessenen Politiker, der alle ihm bekannten unredlichen Winkelzüge auffährt, um seine Interessen durchzusetzen.

Ian McEwan bleibt am Puls der Zeit

Ian McEwan mag mit „Abbitte“, „Saturday“, „Kindeswohl“ und zuletzt auch „Maschinen wie ich“ die wohl gewichtigeren Romane geschrieben haben. Mit seinem gewohnt eloquenten, geschliffenen und ironisch-bissigen Stil sowie seiner auf nur 130 Seiten komprimierten Vielfalt an originellen Ideen, überzeugt der britische Schriftsteller einmal mehr. Der außerdem mit dem „Brexit“ als Kernthema erneut am Puls der Zeit bleibt. Ein literarischer Schnellschuss? Mag sein. Aber eben einer von Ian McEwan. Und ein sehr witziger dazu.

Ian McEwan: „Die Kakerlake“, Diogenes, aus dem Englischen von Bernhard Robben, Hardcover, 144 Seiten, 978-3-257-07132-0, 19 €. (Beitragsbild von Annalena McAfee)              

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