Rebecca Stott: Erlöst: Mein Weg aus der Sekte

Rebecca Stott: Erlöst: Mein Weg aus der Sekte

Titel und Gattung verraten es: Rebecca Stott hat Sektenerfahrung. Anscheinend und glücklicherweise aber auch entsprechende Ausstiegserfahrung.

Die Tatsache, dass es sich bei „Erlöst: Mein Weg aus der Sekte“ um ein Memoir handelt, lässt vermuten, dass die Autorin Rebecca Stott darin ihre höchsteigene Geschichte erzählt. Und irgendwie stimmt das ja auch. Immerhin ist sie sehr eng mit ihrer verwoben, beziehungsweise für diese maßgeblich. Im Kern aber ist „Erlöst: Mein Weg aus der Sekte“ die Geschichte ihres Vaters. Auf dem Sterbebett liegend bittet er sie, diese fertigzuschreiben. Damit begonnen hatte er selbst schon Jahre zuvor. Sie zu beenden, dafür fehlt es ihm sowohl an Kraft als auch an Zeit. Gerade einmal sechs Jahre (1960 bis 1966) ihrer Zeit bei den Brethren, so der Name der Sekte, der die Stotts da bereits über Generationen angehörten, hatte er zu Papier gebracht, bevor aus seinen Kisten voll mit unsortierten Aufzeichnungen und Fotos Nachlass wurde.

Vom Nachlass in Kisten zum Memoir im Verlag

Rebecca Stott Erlöst: Mein Weg aus der Sekte Cover btb

Eine Menge Arbeit, die da auf Rebecca Stott wartet. Arbeit, die sie sich eigentlich gar nicht aufhalsen will, betrifft diese doch einen Abschnitt ihres Lebens, mit dem die Schriftstellerin, Journalistin und Literaturwissenschaftlerin mit Dozentur an der University of East Anglia, gar nichts mehr zu tun haben, nicht mal mehr daran erinnert werden will. Ihre 19jährige, über keinerlei Sektenerfahrung verfügende Tochter ist es, die Rebecca Stott schließlich dazu bringt, sich all den Fragen zu stellen, von denen sie nicht im Ansatz wusste, wie sie sie beantworten würde und ihnen deswegen jahrelang aus dem Weg ging. Bis diese, zumindest aber deren Versuch, als 384seitiges Memoir (als ebook 7.596 KB) eine passende Form fanden.

Rebecca Stott stellt sich unbequemen Fragen

Wie funktioniert ein Kult? Wie konnte ihre Familie in eine extreme protestantische Sekte geraten? Welche schwerwiegenden Folgen hatte das und warum hatte niemand rebelliert? All das wollte Rebecca Stott ergründen und betrat hierzu (auto)biografisches Minenfeld. Mithilfe ihrer Tochter Kez teilte sie das aufgezeichnete Leben ihres Vaters in vor, während und nach den Brethren ein. Wobei sie an das Danach mehr Erinnerungen hat, als an die beiden anderen Abschnitte, die sich vom frühen 19. Jahrhundert bis 1972 erstrecken. Das war das Jahr, in dem ihre Eltern endgültig aus der Sekte ausstiegen und Rebecca ihren achten Geburtstag feierte – und damit wohl noch nicht über allzu viel Eigenmemorierleistung verfügt haben dürfte.

Rebecca Stott schließt Erinnerungslücken

Erinnerungslücken zu schließen, die generationenübergreifende Zeit aufzuarbeiten – dafür diente das Manuskript des Vaters, dienten Briefe der Großeltern, Recherchen im Internet, in Bibliotheken und in Archiven. Dazu dienten ebenso Gespräche mit anderen ehemaligen Brethren und das (gestattete) Lesen derer Tagebücher, dazu diente die Teilnahme an einem zwölfwöchigen Kurs zur Sozialpsychologie von Kulten und Totalitarismus in London – und natürlich dienten auch manch vergraben geglaubte eigene Erinnerungen dazu, die sich während der Arbeit an „Erlöst: Mein Weg aus der Sekte“ wieder ins Gedächtnis drängten. Erinnerungen an die Verbote, an die Pflichten, Erinnerungen an Sanktionen und Entbehrungen, Erinnerungen an Jahre, die sie „nur ein Mädchen“ war, wissend, dass sie es so lang geblieben wäre, bis sie „nur eine Frau“ geworden wäre. Erinnerungen an ständige Versammlungen und Bibelpredigten, Erinnerungen an das Familienleben während und nach den Brethren – all das bricht sich Bahn während ihrer Arbeit an „Erlöst: Mein Weg aus der Sekte“.

Stammbaumunterfüttertes Organigramm als Fließtext

Was sich dabei auch Bahn bricht, ist eine wahre Flut an Namen, Zugehörigkeiten und biografischen Fakten. Liegt in der Natur der Sache, waren die Stotts doch bereits Brethren in vierter Generation und allen im Memoir Raum gegeben werden sollte und wurde. Das wiederum führt jedoch dazu, dass sich das Werk zuweilen wie ein ausformuliertes, stammbaumunterfüttertes Organigramm liest. Man wird zwar durchaus ins Bild gesetzt, wer mit wem zusammenhängt, wer was wie macht und mit wem warum gemeinsam oder eben nicht. Allerdings behält man in etwa genauso soviel, wie man eben so beim ersten Lesen eines stammbaumunterfütterten Organigramms behält. Nicht abzusprechen die Möglichkeit, dass, zumindest für Außenstehende, die ein oder andere Information für die Beantwortung der Sektenthematik von mehr Belang gewesen wäre, als Namen, Geburts- und Sterbejahre der Urahnen.

Good News: „Erlöst: Mein Weg aus der Sekte“ ist ein Buch, das, wie die meisten seiner Art, über die herausragende Eigenschaft verfügt, sich nicht nach einmaligem Gebrauch selbst zu zerstören. Wer mag, kann es also einfach nochmal lesen.

Rebecca Stott: „Erlöst: Mein Weg aus der Sekte“, btb Verlag, aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence, Hardcover, 370 Seiten, ISBN: 978-3-442-75777-0, 22 € (Beitragsbild: Buchcover)

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