John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens

John Steinbeck: Der Winter unseres Missvergnügens

Der wiederentdeckte, neuübersetzte und ganz ausgezeichnete letzte Roman von John Steinbeck

Mit seinen beiden epischen Romanen „Früchte des Zorns“ und „Jenseits von Eden“ hat John Steinbeck zwei der populärsten und besten Werke der Literaturgeschichte verfasst. Auch „Tortilla Flat“, „Von Mäusen und Menschen“ und „Die Straße der Ölsardinen“ zeugen noch immer von der Klasse seiner Prosawerke. Der Pulitzer-Preis 1940 für „Früchte des Zorns“ sowie der Literaturnobelpreis 1962 waren der Lohn für die guten literarischen Taten des 1902 im kalifornischen Salinas geborenen und 1968 in New York verstorbenen amerikanischen Schriftstellers.

John Steinbeck im Manesse-Verlag

John Steinbeck Der Winter unseres Missvergnügens Cover Manesse Verlag

Ein Jahr vor der Literaturpreisverleihung erschien mit „Der Winter unseres Missvergnügens“ der letzte Roman Steinbecks, der relativ schnell wieder in Vergessenheit geriet. Leider muss man sagen. Die im Manesse-Verlag für die Bibliothek der Weltliteratur vorliegende, exzellente Neuübersetzung von Bernhard Robben ändert hoffentlich diesen Zustand. Im Mittelpunkt des Romans steht der Enddreißiger Ethan Hawley, wohnhaft im fiktiven Ort New Baytown auf Long Island, verheiratet, zwei Kinder im pubertären Alter. Zu der Ahnenreihe seiner angesehenen Familie gehören Pilgerväter und Walfänger, doch das Wohlstandsglück endete mit der Generation des Vaters. Dieser verlor einen Großteil des Familienbesitzes scheinbar auch aufgrund schlechter Bankberatung. Um Ethan Hawleys Geschäftssinn stand es ebenfalls nicht gut, und so musste er den Lebensmittelladen, den er immer noch als etwas Eigenes betrachtet und zu dem er eine vertraut-herzliche Beziehung führt, an den italienischen Einwanderer, Signore Marullo, verkaufen, für den er nun als Angestellter arbeitet. Hawley erträgt diesen Umstand zwar mehr oder weniger klaglos, doch innerlich wurmt es ihn dann doch, sein berufliches Leben als „Verkäufer in einem gottverdammten Itakerladen“ fristen zu müssen.

John Steinbeck und der wuchernde Kapitalismus

Meistens aber nimmt er seine Situation mit Ironie und Humor hin. Weshalb ihn seine Frau Mary, die Ethan mit herzlich gemeinten Kosenamen wie „Marienkäferchen“ oder „Honigbrötchen“ bedenkt, häufig als „albern“ bezeichnet. In Ethan Hawley begegnen wir einem rechtschaffenen, prinzipientreuen, ehrbaren und integren (Anti-)Helden, dem John Steinbeck, der den Plot des Romans zwischen Karfreitag und dem Independence Day 1960 ansiedelt, die Rolle eines etwas aus der Zeit gefallenen, nachdenklichen Narren zuordnet. In Zeiten des wuchernden Kapitalismus gerät Hawley immer mehr unter Druck. Nachdem die männerverführende und von Mary als Freundin bezeichnete Margie Young-Hunt die Karten legt und Familie Hawley eine baldige finanzielle Verbesserung in Aussicht stellt, wachsen die Träume Marys von mehr Komfort, sprießen die Ansprüche des Sohnes nach mehr Statussymbolen wie Auto und Fernseher, und bröckeln die Prinzipien Ethans.

Das Geld und die Moral

Mit dem ultimativen kapitalistischen Statement „Geld will keine Freunde, will nur mehr Geld“ erklärt und verführt der Unternehmer Marullo seinen Arbeitnehmer Hawley gleichzeitig, der dem unmoralischen Angebot des Geldes unterliegt. Unweigerlich verläuft die Handlung in Richtung Tragödie, denn um wieder in den Besitz „seines“ Ladens und zu mehr Geld zu kommen, denunziert er seinen Chef Marullo als illegalen Einwanderer, der ihn vorher als „zu nett“ und „zu freundlich“ charakterisierte, und riskiert sogar den Selbstmord eines ehemals guten Freundes, der in der Zwischenzeit als Alkoholiker auf der Straße lebt.

Literarische Verweise

John Steinbeck hat mit „Der Winter unseres Missvergnügens“ eine bedeutsame Parabel zum Thema Geld und Moral von nach wie vor aktueller Brisanz verfasst. Stilistisch wechselt er zweimal von der auktorialen Erzählebene in die die Ich-Perspektive Ethans, dessen Gedanken- und Empfindungswelt zwischen Verwandlung und Widerspruch die Leser geradezu hautnah erfahren. Fast wie beiläufig wartet Steinbeck mit literarischen Bezügen von Shakespeare – der Romantitel ist dem Eingangsvers des Stückes „Richard III“ entnommen – über Herman Melville, bis hin zur Bibel und der Artussaga auf. Im ebenso lesenswerten Nachwort fasst Ingo Schulze die wichtigsten Verweise gekonnt zusammen. Insgesamt entpuppt sich „Der Winter unseres Missvergnügens“ als ein großes literarisches Lesevergnügen. Ein Roman, der sich mühelos in die Reihe seiner bekannten Klassiker einsortiert.

John Steinbeck: „Der Winter unseres Missvergnügens“, Manesse, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Bernhard Robben,  Hardcover, 608 Seiten, 978-3-7175-2432-8, 25 € (Beitragsbild: Buchcover).  

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