R. R. Sul: Das Erbe – Roman

R. R. Sul: Das Erbe – Roman

Ein Erbe, das wohl niemand antreten will, manche aber müssen. Ein Roman, der direkt Kurs nimmt auf das emotionale Epizentrum – und zwar ungebremst.

Zweihunderteinundzwanzig Seiten und den Rat, „dem Leben die Zähne in den Arsch zu hauen“, das ist es, was Wolf seinem Enkel Karlchen hinterlässt. „Lies mein Leben, das zugleich das meines Bruders ist. Lies es dann, wenn Du bereit dafür bist. Ich habe es extra für dich binden lassen. Es gibt nur ein Exemplar davon. Mach damit, was Du willst. Ich werde es nicht mehr mitbekommen.“

Anscheinend hat Karlchen, an den die einführenden, großväterlichen Worte gerichtet sind, die Rechte an den dtv Verlag abgetreten, wo das Buch nun glücklicherweise in einer Auflage größer 1 erschienen ist und alle, die es lesen, zu Nachlassverwaltenden des Lebens von Protagonist Wolf macht. Dieses, so sei den am Erbe Interessierten fairerweise verraten, war alles andere als ein einfaches oder unbeschwertes.

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R. R. SUL Das Erbe dtv Cover

Von klein auf wurde Wolf von seiner Mutter eingeflüstert, dass er unheilbar krank sei. Jahrelang lebt und spielt der Junge in der Nacht – dann, wenn alle anderen Kinder schlafen. Freundschaften sind also eine ihm unbekannte Beziehungsform. Später darf er die Wohnung nur mit Motorradhelm verlassen. Was okay sein mag, wenn man volljährig ist und einen Zweiradführerschein hat. Nicht aber, wenn man, wie in Wolfs Fall, sieben Jahre alt ist und der Helm einzig als Sonnenschutz dient. So ist es ihm zwar möglich, zu anderer Kinder Zeiten zu spielen. Allerdings hat er nun eben auch ganztägig einen Helm auf und das Visier unten. Schnell macht Wolf die Erfahrung, dass sich Kinder dann doch eher helmlose Freunde suchen;  Freunde ohne Mondscheinkrankheit. So nämlich lautet die Diagnose seiner Mutter für ihn. Ihre hingegen, die ihr von einem Arzt gestellt wird, lautet Münchhausen-Stellvertretersyndrom.

Das Erbe und die Einsamkeit

Kurz nachdem ihre jahrelange Lüge ans Licht kommt, bringt sich die Mutter um. Bob, ihr letzter Partner, geht zusammen mit Freddy, Wolfs Halbbruder, nach England, während Wolf bis zum Tod des Großvaters bei diesem aufwächst. Einsamkeit ist also weiterhin nichts, woran es Wolf mangeln würde. Auch als Erwachsener lebt er zurückgezogen in seiner Wohnung, deren Wände er mit Puzzles aus aller Herren Länder verziert. Einzig Lina, eine Freundin aus der Kindheit schafft es, Wolf nahezukommen. Richtig nahe, also Heirats-und-zwei-gemeinsame-Söhne-nahe. Und noch jemand schafft das, wenn auch anders nahe: sein Halbbruder Freddy nämlich. Als er, dessen moralischer Kompass zumindest mal gebrochen ist, eines Tages wieder auf der Bildfläche auftaucht, nimmt Wolf sich seiner an. Eine jener Entscheidungen, von der sich schnell herausstellt, dass es besser gewesen wäre, sie nicht oder anders zu treffen.

221 Seiten Erbmasse

Eine Entscheidung, die zu treffen es auf jeden Fall zu unterstützen gilt, ist jene, „Das Erbe“, zu lesen und von all dem, was da hinterlassen wird, überlassen, zurückgelassen und allzu oft alleingelassen. Wer sich fragen sollte, was aus einem Menschen wird, der von Kindheit an mit einer Lüge aufwächst, erhält hier eine mögliche Antwort. 221 Seiten Erbmasse, auf die wenig zu sagen, aber viel zu schlucken bleibt. R. R. Suls Roman über das Vermächtnis einer zerstörerischen Familie ist Literatur, die direkt Kurs nimmt auf das emotionale Epizentrum. Und zwar ungebremst. Die einfach gehaltene Sprache, die kurzen, stakkatoartigen Sätze, wirken wie eine Art verbaler Taser, der bis auf ein Kopfschütteln lähmend macht. Quasi mit Parataxe zur Paralyse.

Ein überragendes Erbe

Wer sich hinter R. R. Sul verbirgt, ist nicht bekannt. Außer R. R. Sul selbst natürlich und vielleicht einigen wenigen Eingeweihten. R. R. Sul möchte unerkannt bleiben. Der Name ist ein Pseudonym. Und das ist auch in Ordnung so. Es braucht den richtigen Namen nicht, zu beurteilen, wie berührend, wie zielsicher, wie unfassbar und vor allem unfassbar gut „Das Erbe“ ist. Sollte sich irgendwann herausstellen, dass, sagen wir, V.C.R., F.F.S. (bitte nicht!) oder, noch schlimmer, Ch. N. hinter dem Pseudonym stecken, änderte das nichts an meiner Begeisterung für den Roman. Mehr an Fürsprache ist mir für Literatur kaum möglich. 

R. R. Sul: „Das Erbe“, dtv Verlagsgesellschaft, Hardcover, 224 Seiten,
ISBN 978-3-423-28199-7, 21 Euro (Beitragsbild Buchcover)

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