Hendrik Otremba im Interview

Hendrik Otremba im Interview

Der Schriftsteller Hendrik Otremba über seinen neuen Roman „Kachelbads Erbe“ und seine Band Messer

Seine Schriftstellerische Karriere begann vor zwei Jahren mit dem im Verbrecher Verlag veröffentlichten Roman „Über uns der Schaum„. Dieses Jahr erschien der ebenfalls bei Sounds & Books besprochene Nachfolger „Kachelbads Erbe“ im Verlag Hoffmann und Campe. Der auch als Sänger der Post-Punk-Band Messer bekannt gewordene Hendrik Otremba stellte sich hierzu den Sounds & Books-Fragen. Viel Spaß mit

Hendrik Otremba im Interview

Hendrik, Du stellst Deinem neuen Roman, „Kachelbads Erbe“, einen Songtext von Scott Walker, „If You Go Away“, voran. Welche Rolle spielt die Musik des dieses Jahr verstorbenen Künstlers für Dich als Privatperson und welchen Einfluss sein Wirken auf den Schriftsteller Hendrik Otremba, speziell für Deinen neuen Roman?

Ein Aspekt des Zitierens – oder sagen wir daher lieber: Adaptierens – steckt schon mit in diesem Fragment aus dem Liedtext, denn Walkers »If You Go Away« wiederum beruht auf einem französisch gesungenen Stück von Jacques Brel. Vielleicht war Brel so etwas für ihn wie er für mich: Ein Türöffner, der eine neue Perspektive aufgezeigt hat. Ich will da nicht zu sehr ins Detail gehen, aber das Werk von Scott Walker hat mir viel Inspiration gegeben und auch einige neue Ansätze aufgezeigt, wie man sich etwa in der Musik inspirieren lassen kann, um neue Erzählweisen zu finden. Ich habe auch über das Schreiben am Buch fast ausschließlich diese Musik gehört – das Zitat direkt am Anfang war also vor allem eine Danksagung, die er wohl leider nicht mehr wahrnehmen konnte. Vielleicht hätte es ihn auch nicht interessiert, er lebte ja sehr zurückgezogen. Aber darum geht es auch nicht …

Wirkten andere künstlerische Vorbilder oder Einflüsse auf „Kachelbads Erbe“? Ich dachte beim Lesen durchaus an „The Invisible Man“ von H.G. Wells oder die Filme „2001: Odyssee im Weltraum“ und „Planet der Affen“.

Interessante Referenzen. Aus »Planet der Affen« haben wir mal mit meiner ersten Band Tora Torapa, damals schon mit Philipp Wulf von Messer, die »Bote des Todes-Stelle« zitiert, die ich noch immer auswendig weiß. „Nimm‘ dich in acht vor dem Menschen, denn er ist des Teufels Verbündeter … “ Es ist jedoch lange her, dass ich den Film zuletzt gesehen habe, auch Kubrick ist lange her. Ich habe viel Roberto Bolaño gelesen in der Zeit, das war wohl ein weitaus größerer Einfluss. Bolaño dachte bei 2666 etwa an ein okkultes, nicht-erzähltes Zentrum, um das sich alles dreht – das hat mich sehr beschäftigt.

In „Kachelbads Erbe“ spielt die Kryonik, das Einfrieren der Menschen unmittelbar nach dem Tod, die Hauptrolle. Wie bist Du auf dieses Thema gestoßen?

Durch einen Zeitungsartikel, den ich für eine Fiktion gehalten habe, um dann festzustellen, dass das seit mehr als 60 Jahren Praxis ist. Zumindest bis zum Einfrieren, aufgetaut worden ist bisher meines Wissens nach noch niemand. Praxis trifft auf Hypothese, Verzweiflung trifft auf Hoffnung, Angst auf Unwissen – äußerst menschliche Gegensatzpaare eigentlich.

Nun ist die Kryonik, wir Du schon anmerkst, keine Utopie mehr und wird bereits angewandt. Würdest Du Dich selbst einfrieren lassen?

Nein. Aber ich bin 35 Jahre alt. Wer weiß, was ich denke, wenn ich dem Ende meines Lebens näherkomme? Ich jedenfalls weiß das nicht. Die Leute, die sich einfrieren lassen werden und die ich gesprochen habe, sagen eigentlich alle: Was habe ich zu verlieren, wenn es soweit ist? Das kann ich nachvollziehen. Ich weiß aber nicht, ob ich in der Zukunft aufwachen will.

Einige Protagonisten Deines Romans besitzen die Gabe des Unsichtbarwerdens. In welchen Momenten wärst Du gerne unsichtbar?

Wenn ich fotografiert werde, es sei denn, ich habe Lust, fotografiert zu werden – was recht selten vorkommt. Vielleicht ist die Unsichtbarkeit aber keine übernatürliche Fähigkeit, sondern eher eine Allegorie auf die Wirklichkeit der kapitalistischen Gesellschaft.

Die Hauptfigur H.G. Kachelbad benennt einen Leichenwagen „Otremba Funeral Service“. Ist das ein Hang oder Ausdruck des Autors zum Morbiden?

Das empfinde ich als ganz pragmatisch: Wer wundert sich über die Leiche in dem Wagen eines Bestattungsunternehmens?

Rosary, eine weitere Roman-Protagonistin bezeichnet den Namen Otremba spontan als bescheuert, Kachelbad als geheimnisvoll und nichtssagend. Bist Du unzufrieden mit unserem gemeinsamen Nachnamen?

Ich heiße gerne, wie ich heiße – kann aber nicht anders, als jeden Moment der Selbstreferenzialität ad absurdum zu führen.

Im Roman geht für die Menschheit nicht wirklich gut aus. Siehst Du prinzipiell pessimistisch in die Zukunft der unserer Spezies? Kommen alle Versuche, wie „Fridays for Future“, zu spät, um die Welt zu retten?

Das kann ich kaum beurteilen. Betrachte ich aber das Verhältnis von zarten Handlungsversuchen und globaler Situation, komme ich um das Bild des Tropfens auf dem heißen Stein kaum herum. Ich glaube, der Stein wurde von so vielen Generationen derart aufgeheizt, dass der Gedanke ans Wasser bei den meisten Menschen gar nicht mehr aufkommt. Und ist es nicht vielleicht so, dass die jungen Generationen vor der Übermacht und Verfahrenheit der Zustände eigentlich kaum eine Chance hat, mehr zu tun, als Zeichen zu setzen? Für viele Menschen ist ja eine andere, gerechte Welt kaum noch denkbar! Das Meer an entstehenden Dystopien spricht ja dafür. Wenn also selbst die Fantasie schon angezählt ist, wie sollen die Menschen in der Wirklichkeit dann noch eine Perspektive finden? Ich denke leider: das ist ein Problem des Systems, und kein Protest wird die Krankheit heilen, an der wir leiden und die das alles zu so einem traurigen Schauspiel macht.

Der Kapitalismus hat sich so tief in allem verwurzelt und seine Triebe in Gegenden geschlagen, in die wohl auch eine global vernetzte Protestbewegung kaum vorzudringen vermag, dass er als gegeben hingenommen wird. Ich würde das niemals als Vorwurf formulieren, ganz im Gegenteil – dass es junge Menschen gibt, die aktiv werden, birgt natürlich Hoffnung. Ich bin auch ein recht optimistischer Mensch, wenn es um die Dinge geht, auf die ein Einfluss möglich ist. Im Hinblick auf die Gesamtsituation will und darf ich mir aber keine Illusionen machen. Es ist furchtbar, wie im Verhalten der Menschen wider besseres Wissen weitergemacht wird, als gäbe es – literally – kein Morgen. Mich erschreckt auch, mit welcher Gelassenheit und Arroganz manche durchaus intelligente Menschen auf diese Zustände reagieren. Und um auf die Frage zurückzukommen: sich dann auf ein junges Mädchen einzuschießen, die um die Welt segelt, weil sie die Situation nicht hinnehmen will, halte ich für äußerst stillos.

Von Indie-, Dein Debütroman „Über uns der Schaum erschien im Verbrecher Verlag, zum Major Verlag Hoffmann und Campe. Was hat sich für Dich als Autor zwischenzeitlich geändert?

Ich konnte das Schreiben mehr ins Zentrum meines Schaffens rücken, worüber ich sehr froh bin. Dem Verbrecher Verlag fühle ich mich aber noch immer sehr stark verbunden. Das ist eine wirklich wichtige und tolle Arbeit, die die da machen. Ich freue mich, dass ihre Bücher so gut laufen, sie Preise gewinnen und eine immer größere Wertschätzung erfahren.

Du bist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Sänger und Songschreiber der Post-Punk-Band Messer. Ein neues Album ist für Anfang 2020 angekündigt. Worauf dürfen sich die Fans freuen und einstellen?

Das stimmt nicht ganz: Ich schreibe die Texte und gebe meine Meinung ab, aber die Songs schreiben vor allem Milek, Pogo McCartney und Philipp Wulf. Die neuen Stücke sind alle recht dubbig geraten und haben einen anderen Groove, als die Musik von Messer bisher. Wem das gefällt, was wir nun an Singles veröffentlicht haben – »Anorak« und »Der Mieter« –, wird sicher dem Rest gegenüber nicht ganz abgeneigt sein. Mir gefällt, dass wir nach zehn Jahren vielleicht mehr denn je aufgeschlossen sind, uns neu zu erfinden. Das macht es auch für uns recht aufregend. Wir waren gerade auf einer kleinen Tour und das fühlte sich in einem guten Sinne ganz anders an, als bisher.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen. (Beitragsbild von Kat Kaufmann)

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