Lucas Santtana: O céu é velho há muito tempo

Lucas Santtana: O céu é velho há muito tempo

Die schlimme Zeit, sie vergeht. Das neue Album von Lucas Santtana

Schon vor einigen Jahren, im Jahr 2011, hat uns Lucas Santtana mit seinem Album „Sem Nostalgia“ verzaubert. Mit diesem wilden Tanz aus Stimme und akustischer Gitarre. Bearbeitet mit Sampler und Filter. Ein atemloses Stück Musik. Damals war sein musikalischer Partner kein geringerer als Arto Lindsay und gemeinsam hatten sie mit „Sem Nostalgia“ ein Album geschaffen, das sehr weit in die Geschichte der brasilianischen Musik zurückschaute.

Lucas Santtana zwischen Avantgarde und Schönheit

Es war die lange Tradition des „voz e violão”, des Miteinanders von Stimme und Akustikgitarre, die Santtana hier wiederbelebte. Größen wie João Gilberto oder sein Onkel Tom Zé waren in Hörweite, doch gelang es dem Gitarristen und Sänger immer wieder, musikalische Rückschau mit der verschachtelten, komplexen Klangwelt des 21. Jahrhunderts zu verbinden. „Sem Nostalgia“ war ein sehr modernes Album – eines, das, wie die „Süddeutsche Zeitung“ richtig bemerkt hat, beweist, wie nahe sich Avantgarde und Schönheit manchmal kommen können.

Und wie klingt Lucas Santtana heute? Nach einem surrealen, hörspielartigen Soundtrack zu einem Comic von Rafael Countinho ist jetzt das achte Album des 1970 in Salvador de Bahia geborenen Brasilianers erschienen, das sich ganz deutlich als Porträt der aktuellen politischen, sozialen und kulturellen Lage in seinem Heimatland Brasilien versteht.

Lucas Santtana flüstert in die Ohren der Menschen hinein

Lucas Santana Albumcover No Format

Die Spuren von Soundcollagen, von Samples, Electronica und Hip Hop sind undeutlicher geworden, wie Santtana selbst beschreibt: „Aus einer persönlichen Sicht der Dinge hatte ich das Ende solcher Klangarchitekturen erreicht. Ich wollte weg davon und, wie man das am Ende einer glücklichen Ehe so macht, alles zurücklassen, nur mit einem Koffer losziehen und alles einfach halten. Darüber hinaus leben wir politisch gesehen in einer Zeit, in der alle sehr laut schreien und niemand mehr dem anderen zuhören will. So dachte ich, es sei an der Zeit, in die Ohren der Menschen sehr sanft hinein zuflüstern.“

Die Neu-Politisierung Santtanas

Und so tönt die Musik von „O céu é velho há muito tempo“ auch. Sehr sanft, doch in den Texten deutlich. „Brasil Patriota“ etwa ist ein unwiderstehlicher Bossa Nova, der mit ebenjenen „Patrioten“ abrechnet, deren Nationalstolz ein Land in eine Diktatur führen können. Ganz offensichtlich hat die rechtskonservative Politik des Präsidenten Jair Messias Bolsonaro den Musiker neu politisiert, wie auch das Stück „Um Professor Está Falando Com Você” zeigt.

Doch Widerstand ist für Santtana nicht nur politisches Handeln, wird nicht nur repräsentiert durch soziale Bewegungen. Stücke wie „Não vamos nos desgrudar nunca mais” oder „O Bem Maior” feiern die Liebe selbst, das Miteinander der Menschen – als starke Kraft gegen politischen Extremismus. Das Album endet mit einem Stück, das Santtana wiederum mit Arto Lindsay geschrieben hat. Mit „Seu Pai“ klingt das Werk optimistisch aus. Die schlimme Zeit, sie vergeht.

Ein großes Album

Wieder einmal ist dem Sohn des Produzenten Roberto Sant’Ana und dem Neffen des Tropicália-Musiker Tom Zé ein großes Album geglückt, was immer auch an seiner Stimme liegt. Diese melancholische Sanftheit erinnert wirklich an die ganz Großen brasilianischer Musik. An Gilberto Gil und vor allem auch an Caetano Veloso. Mit Gilberto Gil verbindet Santtana sogar seine persönliche Geschichte als Musiker: Ganz am Anfang seiner Karriere spielte er in der Tour-Band des legendären Tropicalismo-Mitbegründers.

„O céu é velho há muito tempo“ von Lucas Santtana ist am 15.11.2019 bei No Format erschienen (Beitragsbild: Albumcover).

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