Eivind Hofstad Evjemo: Vater, Mutter, Kim – Roman

Eivind Hofstad Evjemo: Vater, Mutter, Kim – Roman

Vater, Mutter, Kim“: Ein Utøya-Roman, der keiner ist. In Eivind Hofstad Evjemos drittem Roman geschieht nicht viel – aber das mit aller Wucht

Es gibt diese Momente, die man, obwohl vom damit im Zusammenhang stehenden Ereignis nicht im Entferntesten persönlich betroffen, genau erinnert. Momente, die sich eingebrannt haben. Momente, von denen man weiß, wo man sich zu diesem Zeitpunkt aufhielt, mit wem, womit man beschäftigt war, welche Sendung im Fernsehen oder Radio hierfür gerade unterbrochen wurde, vielleicht auch, wie das Wetter war und was es zu Essen gab, als aus dem 11. September 9/11 wurde oder aus dem 22. Juli Utøya.    

Das Leben nach Utøya

So geht es auch den Eheleuten Sella und Arild in „Vater, Mutter, Kim“, dem im Luftschacht-Verlag erschienenen Roman von Eivind Hofstad Evjemo. Es ist der 29. Juli 2011, als die beiden die Ankunft der Nachbarsfamilie beobachten und sehen, dass die Eltern tochterlos, die beiden Brüder schwesternlos von der Insel Utøya zurückkehren, wo die Kinder gerade im Sommercamp der norwegischen Arbeiterjugend waren, als Anders Breivik dort am 22. Juli 2011 unbeschreibliches Grauen anrichtet und Schuld trägt, dass die Nachbarseltern fortan auf einen leeren, niemals zu ersetzenden Platz sehen. Ob im Auto, am Küchentisch, auf der Familiencouch vor dem Fernseher, auf der Hollywoodschaukel, auf zukünftigen Fotos und Videoaufnahmen – egal wo, immer wird ihnen ein Kind fehlen. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, in Schaltjahren 366 Tage.

Rosinenbrötchen gegen die Trauer

Eivind Hofstad Evjemo Vater Mutter Kim Cover Luftschacht Verlag

Genau darum geht es in Evjemos drittem Roman „Vater, Mutter, Kim“: Um Trauer. Um den Verlust des Kindes und um das Leben der Eltern, das sich mit dem schrecklichen Ereignis in ein Vorher und ein Nachher teilt. Um das Erinnern geht es, um Einsamkeit, um das Verarbeiten und das Weitermachen. Worum es jedoch nicht, beziehungsweise nur am Rande geht, das ist Utøya; das ist der 22. Juli 2011; und das ist die Nachbarsfamilie. Denn Kim ist nicht, wie man anfangs annehmen mag, die Tochter der Nachbarn, sondern Sellas und Arilds Adoptivsohn, der acht Jahre zuvor als Jugendlicher umkam.

Sella und Arild wissen also, was es bedeutet, ein Kind zu verlieren. Und natürlich wissen sie, dass nichts Trost spenden kann. Schon gar keine selbstgebackenen Waffeln oder Rosinenbrötchen, die Sella immer wieder im Vorhaben backt, sie der Nachbarsfamilie als Zeichen der Anteilnahme vorbeizubringen, diese Idee aber genauso oft verwirft.  

Stattdessen ist es das unbeholfene Backen, ist es die Heimkehr der unvollständigen Nachbarsfamilie, ist es das Wissen um deren Trauma, ist es die kollektive Anteilnahme nach den Geschehnissen auf Utøya, die Sellas und Arilds Trauer über den Verlust ihres Sohnes Kim erneut aufbrechen lassen.

Vater, Mutter, Kim – eine Tragödie in Zeitlupe

Eivind Hofstad Evjemo stellt diese private Trauer behutsam neben die kollektive über Norwegens Trauma vom 22. Juli 2011. Leise und nüchtern lässt er seine Protagonistin Sella von ihrem und Arilds Leben vor, mit und nach Kim erzählen. Es ist gar nicht so viel, was passiert. Das wenige aber geschieht, nicht zuletzt eindringlicher Zeitlupen-Sequenzen wegen, mit atemnehmender Wucht, die noch lang ein Echo des Unbehagens nachhallen lässt. Slow-Literature-Pageturner nennt man das wohl, was Evjemo da mit „Vater, Mutter, Kim“ vorgelegt hat. Wenn es so etwas gibt. Wenn nicht, gäbe es das trotzdem und Eivind Hofstad Evjemo wäre einer der herausragenden Vertreter dieser Form des Zeitlupenerzählens.

Das beinah komplette Aussparen der Geschehnisse an diesem 22. Juli 2011 ist es, das „Vater, Mutter, Kim“ zu einem ganz anderem Utøya-Roman macht; die Erzählweise des Autors, die ihn zu einem herausragenden und die Gestaltung durch den Luftschachtverlag zu einem besonders schönem macht.

Sein bereits 2014 im Original erschienener Roman („Velkommen til oss“) wurde von der norwegischen Presse begeistert aufgenommen. Dank deutscher Erstausgabe hat dazu nun auch die hiesige Presse Gelegenheit – und weiß sie hoffentlich zu nutzen.  

Eivind Hofstad Evjemo: „Vater, Mutter, Kim “, Luftschacht Verlag, Hardcover, 274 Seiten, ISBN 978-3-903081-72-7, 24 Euro (Beitragsbild von Birgit Solhaug).

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