Karen Köhler: Miroloi – Roman

Karen Köhler: Miroloi – Roman

„Miroloi“ von Karen Köhler: Brutal nüchtern und außergewöhnlich poetisch

Miroloi – kein neues italienisches Halbfertiggericht, sondern ein von Frauen gedichtetes und gesungenes Totenlied in der Tradition der griechisch-orthodoxen Kirche zum einen und zum anderen Titel von Karen Köhlers vielbesprochenem ersten Roman.

Sollte jemand mal eine Karen Köhler gekannt haben und sich jetzt fragen, ob das „DIE Karen Köhler?!“ist, so sei geantwortet: je nachdem. Und zwar je nachdem, ob damit jene 1974 in Hamburg geborene Dramatikerin, Schauspielerin und Autorin gemeint ist, die ihrem von Kritik und Publikum gefeierten Erzählband  „Wir haben Raketen geangelt“ aus dem Jahr 2014 nun ihr Romandebüt „Miroloi“ an die Seite(n) stellt.

Das im Carl Hanser Verlag veröffentlichte Werk in den Buchhandlungen zu übersehen, ist kaum möglich. Was nicht nur daran liegt, dass es von Hanser als Spitzentitel beworben wurde, sondern auch an der augenfälligen Aufmachung, der farbintensiven Umschlaggestaltung, die an Meer erinnernd macht, an Urlaub. Zumindest so lang man nicht weiß, worum es in „Miroloi“ geht. Denn der Roman ist alles andere als lockere Urlaubslektüre, die man sich kess mit Flip Flops und pfiffigem Melonenprint-Strandtuch kombiniert denkt.

Ein Miroloi in 128 Strophen

Karen Köhler Miroloi Cover Hanser Verlag

„Miroloi“ ist die Geschichte einer anfänglich namenlosen Ich-Erzählerin: Einem Findelkind, das bei seinem Finder, dem Bethaus-Vater, aufwächst. Dieser lebt im „Schönen Dorf“ auf der „Schönen Insel“, einer erfundenen Welt, die sich parallel zur zivilisierten Gegenwart, der sogenannten „Drübenwelt“, von dieser aber komplett abgeschottet vorzustellen ist. Alles dort hat einen Namen, nur sie, das Findel-Mädchen hat keinen. Früh schon wurde ihr beigebracht, dass ihr als Aussätziger kein eigener Name zusteht. Stattdessen nennt man sie „Eselshure“, „Schlitzi“ oder „Nachgeburt der Hölle“. Doch nicht nur der Name ist es, der ihr verwehrt wird. Auch sonst ist sie, als Angehörige des weiblichen Geschlechts, weitestgehend frei von Rechten.

Frauen dürfen nicht lesen, nicht schreiben, haben keine Stimme, dafür unbedingt zu gehorchen und Zwangsverheiratung ebenso zu dulden, wie sexuelle Übergriffe. So will es das Dorf, wollen es die patriarchalen Strukturen, wollen es die Traditionen und heiligen Gesetze. Gegen all das lehnt die namenlose Außenseiterin sich mit der Unterstützung ihres Finders, der alten Mariah und ihrer Freundin Sofia, zunehmend auf. Lernt heimlich lesen, schreiben und schwimmen, schließt Allianzen, macht auf Unterdrückung aufmerksam, verliebt sich und bekommt endlich einen Namen. Als ihr Finder stirbt, verschärft sich die Lage dramatisch. Strophe um Strophe, wie die Kapitel im Roman heißen, erliest, erschreibt, erdenkt, erkämpft, erschwimmt und erlebt sich die Protagonistin mehr Raum, der irgendwann Freiheit sein soll – und (v)erdichtet dabei in 128 Strophen ihr eigenes Miroloi, sie eines Tages zu erinnern.

Miroloi: Gefeiert und verrissen, manch‘ Ton ist einfach nur besch***

Der Roman, der motivisch an Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ erinnert, zog seit seinem Erscheinen eine beachtliche Menge an Besprechungen nach sich. Noch beachtlicher als die Menge war jedoch der teils aggressive Ton, dessen sich dabei, zumeist von männlichen Rezensenten, bedient wurde. Kann man nachlesen, muss man nicht. Gilt natürlich ebenso für den Roman selbst. Den zu lesen, lohnt sich jedoch definitiv mehr.

Karen Köhler verdichtet in poetischer Form

Mithilfe langer Figurendialoge erzählt „Miroloi“ brutal nüchtern wie zugleich außergewöhnlich poetisch von einer jungen Frau, die in Frage stellt, was ist und allen Widerständen zum Trotz gegen Unterdrückung und patriarchale Strukturen aufbegehrt. Karen Köhler, deren langjährige Erfahrung als Theaterautorin man dem Roman anmerkt, findet dafür eine ganz eigene Form: Erfindet ein Dorf, eine Insel, eine eigene (Parallel)welt, die sie anhand von Strophen erzählt, von denen manche noch nicht einmal Strophen- allenfalls Choruslänge haben. Aber ach wie sehr kann Inhalt verdichtet werden, um größte Wirkung zu entfalten. Gedacht sei da an Hemingways Sechs-Wort-Geschichte „For sale: baby shoes, never worn“.

Erwachsenenlektüre, Jugendbuch oder beides

Der Kritik, „Miroloi“ sei ein „als Erwachsenenlektüre getarntes, naives Jugendbuch für LeserInnen ab 14 Jahre“, die vom Rezensenten vermutlich wenig wohlmeinend war, sei in aller Aufrichtigkeit entgegnet: Na und? Selbst wenn? Mal abgesehen davon, dass beispielsweise Harry Potter als Erwachsenenlektüre durchgehende Jugendliteratur ist – kann ein Buch, das sprachlich präzise von Selbstermächtigung erzählt, vom Ausbruch einer jungen Frau aus einer von Unterdrückung geprägten Gesellschaft, kann solch ein Buch Lesenden ab 14 Jahren schaden? Nein? Eben.

Karen Köhler: „Miroloi“, Hanser Verlag, Hardcover, 464 Seiten, 978-3-446-26171-6, 24 Euro (Beitragsbild von Christian Rothe).

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