Jeff Tweedy: Let’s Go (So We Can Get Back)

Jeff Tweedy: Let’s Go (So We Can Get Back)

Eine intensive Autobiographie von Wilco-Frontmann Jeff Tweedy

Hätten Wilco in den Sechziger-Jahren Platten aufgenommen, wäre die Band aus Chicago auf der Berühmtheitsskala irgendwo zwischen Bob Dylan und den Beatles gelandet. In den Sixties setzte sich Qualitätsrockmusik mitunter auch im Mainstream durch, fünfzig Jahre später und fünfundzwanzig Jahre nach ihrer Gründung ist die Band um Songwriter Jeff Tweedy eine Art Gralshüter des Indie-Rock. Wilco-Alben wie „Being There“, „Summerteeth“, „Yankee Hotel Foxtrot“, „A Ghost Is Born“ und „Sky Blue Sky“ können sich aufgrund ihres Ideenreichtums und der versierten Spielfreude jederzeit mit den längst kanonisierten Werken der Musikgeschichte messen. Kein Stil ist Wilco fremd. Country-Rock, Folk-Rock, Prog-Rock, Alternative-Indie-Rock, Pop, und alles auf höchstem musikalischen Niveau.

Jeff Tweedys Schreibstil

Jeff Tweedy Let's Go Buchcover Kiepenheuer & Witsch

Dass es Wilco zwar zu einer Kritikerlieblingsband gebracht haben, aber vom Mainstream weitestgehend immer noch ignoriert werden (von Top-Ten-Platzierungen in den USA mal abgesehen), mag für die Fans ein Segen sein, der Brillanz ihrer Musik gönnt man jedoch definitiv wesentlich mehr Publikum. Ob die Band nun aber einen Grammy (wie 2005 für „A Ghost Is Born“ als bestes Alternative-Album) gewinnt oder nicht, spielt für Frontmann, Sänger, Gitarrist und Songwriter Jeff Tweedy eine eher untergeordnete Rolle, wie er freimütig in seiner Autobiographie „Let’s Go (So We Can Get Back)“, deren Titel wir einem Spruch von Tweedys Vater verdanken und die nun mit dem Untertitel „Aufnehmen und Abstürzen mit Wilco etc.“ in deutscher Sprache im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen ist, erzählt. Der Schreibstil des 1967 geborenen und in der Kleinstadt Belleville, Illinois, aufgewachsenen, seit seiner Kindheit unter heftiger Migräne leidenden Tweedy changiert zwischen „Born To Run“ von Bruce Springsteen und „Chronicles“ von Bob Dylan.

Jeff Tweedy und die Selbstironie

Neben seinen Jugendjahren, die er als Kind eines bei der Bahn angestellten und an seinem Sohn wenig interessierten Vaters sowie einer sich die Nächte vor dem Fernseher um die Ohren schlagenden Mutter verbrachte, beleuchtet der 52-Jährige auch ausgiebig seine Tablettensucht, die ihn in einem Teufelskreis aus Angstzuständen, Depressionen, Migräne und Abhängigkeit gefangen hielt. Immer dort, wo es in Larmoyanz abzudriften droht, gelingt Jeff Tweedy der Turnaround mittels Selbstironie. Traurige und berührende Passagen gibt es in diesem Memoir indes genug, wenn Tweedy beispielsweise liebevoll über den Tod seiner Eltern, die Krebserkrankung seiner Frau oder über seine beiden Söhne schreibt.

Den beruflichen Werdegang als Musiker – von den Teenagerjahren und der prägenden Begegnung mit Jay Farrer, die zu Uncle Tupelo führte, über den genialen, aber ebenfalls süchtigen und zwiespältigen, mittlerweile verstorbenen Jay Bennett bei Wilco, bis in die Gegenwart – gibt er chronologisch und ausführlich wieder, bedient sich jedoch einiger trickreicher Cliffhanger. Für Tweedy ein durchaus therapeutisches Buch, wie er selbst vermerkt, für die Fans seiner Band Wilco eine lohnende und intensive Pflichtlektüre.

Jeff Tweedy: „Let’s Go (So We Can Get Back“, Kiepenheuer & Witsch, übersetzt von Tino Hanekamp, Hardcover, 304 Seiten, 978-3-462-04986-2, 22 € (Beitragsbild von Gérard Otremba).

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