Andreas Maier: Die Familie – Roman

Andreas Maier: Die Familie – Roman

„Die Familie“ von Andreas Maier erweist sich als einer der besten Romane des Jahres

Im Herbst 2010 begann mit der Veröffentlichung des Romans „Das Zimmer“ Andreas Meiers auf elf Bände angelegter Zyklus „Ortsumgehung“. In der Zwischenzeit ist der 1967 in Bad Nauheim geborene Schriftsteller bei seinem siebten Buch, „Die Familie“, dieser modernen Heimatdichtung angekommen. Seit zehn Jahren arbeitet sich Andreas Maier also an seiner eigenen Biographie ab, zuletzt erschien 2018 „Die Universität“, und stilisiert den Ort Friedberg vor den Toren Frankfurts zum Nabel der literarischen Welt.

Andreas Maier kehrt an den Ursprung zurück

In Friedberg, am dort durchlaufenden Flüßchen Usa, liegt das Grundstück, auf das die Familie des Erzählers 1970 zieht. Es ist „das mit Abstand größte Grundstück am Usa-Ufer. Es war so riesig, daß auf der gegenüberliegenden Seite im Mühlweg mindestens zehn Häuser Platz hatten.“ Wir lernen eine konservative Großbürgerfamilie kennen. Der Vater  übt den Beruf des Rechtsanwalts aus und kandidiert als CDU-Parteimitglied für das Bürgermeisteramt. Die Mutter leitet die im Familienbesitz befindliche Steinwerkefirma, die sich an das Wohnhaus anschließt und zu dem noch eine denkmalgeschützte, mühlradlose Mühle gehört. Der ältere Bruder rebelliert gegen das Spießertum und verbringt seine Zeit lieber mit einer für die Eltern so obskuren Person wie „Hasch-Hugo“ (eine Art kiffender Aufpasser, für die Mutter ein „funktionaler Miterzieher“) im „Kinderplanet“, später hängt er im Jugendzentrum ab, wohin es einige Jahre danach auch den Erzähler verschlägt.

„Die Kinder der Schweigekinder“

Andreas Maier Die Familie Buchcover Suhrkamp Verlag

Ein typischer Abnabelungsprozess für die Kinder der 70er-Jahre, ein Desaster für die bürgerlichen Eltern, die in der Zeit der RAF in jedem so kleinen libertären Schlupfwinkel Terrorismus fürchten. Zu einem weiteren elterlichen Verdruss steuert auch die Schwester bei, die als jung verheiratete Mutter mit ihrem amerikanischen Mann nicht für ihr Lebenseinkommen sorgen kann und ihre Mutter trotz ständiger Eskapaden um den Finger wickelt. Und wäre das alles nicht schon strapaziös genug für die Familie, sorgt der herbeigeführte „Einsturz“ der Mühle inklusive Prozess für einen veritablen hessischen Medienskandal. Auf die bohrende Frage nach möglichen familiären Verstrickungen in der NS-Zeit – die im Roman als Running-Gag für Furore und bitteres Amüsement sorgt – wiegelt die Mutter stets mit dem Satz ab, sie hätten den Juden doch sogar Brand (also Brennholz) gegeben. Man ahnt nichts Gutes und mit Hilfe seiner Ex-Freundin, der aus vorherigen Bänden bekannten Buchhändlertochter, findet er heraus, daß das Friedberger Grundstück eben nicht, wie kolportiert, seit 1875 im Familienbesitz ist, sondern bis 1938 der Familie Seligmann gehörte. „Wir sind die Kinder der Schweigekinder“ heißt am Ende die bittere Erkenntnis des Ich-Erzählers Andreas.

Der Wendepunkt der „Ortsumgehung“

Einmal mehr gelingt Andreas Maier das Kunststück, das literarische Ich mit der Realität in Einklang zu bringen. Eine Realität, die Maier als Scheinwelt entlarvt, seine engsten Verwandten mit Avataren gleichsetzt und der eigenen Familie mafiaähnliche Strukturen zuweist. Ein bundesrepublikanischer Nachkriegsroman, der Andreas Maier an einen Wendepunkt seiner „Ortsumgehung“ bringt, der für ihn alles bisher Erzählte in ein anderes Licht taucht. Doch trotz des dunklen Familienkapitels verliert Andreas Maier nicht seinen Humor, wenngleich dieser einen mitunter einen ironisch-bösen Unterton aufweist. Einer der besten deutschsprachigen Romane des Jahres.

Andreas Maier: „Die Familie“, Suhrkamp Verlag, Hardcover, 166 Seiten, 978-3-518-42862-7, 20 €.

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