Dr. John: Ein Nachruf von Moritz Hildt

Dr. John: Ein Nachruf von Moritz Hildt

Oh, Didn’t He Ramble – ein persönlicher Nachruf auf Dr. John

Der Mittag war heiß, feucht und vollkommen still. Die träge Luft bremste alles aus, was sich bewegte. Ich saß, tief eingesunken in einen muffigen Sessel, auf der Vorderveranda eines Hauses in Mid City in New Orleans und versuchte mich mit aller Mühe von dem Gedanken abzubringen, dass die schwere, verführerisch süßlich duftende Luft auch die Zeit selbst zum Erliegen gebracht hatte und es nie Nachmittag und Abend werden würde – Tageszeiten, die irgendwann Kühle, mindestens aber Luftbewegung bringen würden.

Alle Gäste des Hostels waren entweder ausgeflogen oder hatten sich, wohlweislich, in die klimatisierten Räume zurückgezogen. Nur ein einziger Mann saß bei mir draußen, um die fünfzig, mit grauem, unsauberem Bürstenhaarschnitt und einem löchrigen weißen T-Shirt. Er hatte mir still zugenickt, als er durch die Türe hinausgetreten war, und sich dann auf einen der Stühle gesetzt.

Ich nippte an meinem eiskalten Bier. Am Morgen war ich, mit einer Verspätung von über vierzehn Stunden, in New Orleans gelandet – eine Reise, die in jeder Hinsicht jenem Diktum gefolgt war, das Alte Hasen in Sachen Flugreisen gerne von sich geben: wenn’s schief geht, dann richtig – und ich fühlte mich zwischen den Welten, als wäre ich irgendwo zwischen der Zeit und den Orten hängengeblieben.

Der erste Kontakt mit der Musik von Dr. John

Plötzlich sprang der Mann neben mir auf und drehte fieberhaft an den Knöpfen eines alten Radios, das ich für einen bloßen Vintage-Deko-Gegenstand gehalten hatte. Kurze Zeit später drang tatsächlich Musik aus dem Ding – und was für eine: Ein seltsam sumpfiger Sound, irgendwo zwischen Funk, Soul und Rock & Roll, tief verwurzelt und geerdet in einer Tradition, von der ich damals wenig Ahnung hatte, brachte auf einmal alles in dieser Stille in Bewegung. Der Musiker, den wir hörten, war Dr. John, ein Live-Konzert, das gerade irgendwo in der Stadt stattfand, übertragen vom lokalen Radiosender wwoz.

Mein Nachbar, der bis eben vollkommen ruhig gewesen war, nickte sinnierend zum Song. Dann blickte er mir auf einmal direkt in die Augen und sagte, als würde er eine Unterhaltung, die wir schon lange geführt hätten, einfach fortsetzen: „I been in the right place, but it must’ve been the wrong time“ – Ich war am richtigen Ort, aber wohl zur falschen Zeit, so sprach er die Zeilen nach, die Dr. John gerade durchs Radio sang, und fügte dann hinzu: „Junge, das ist mehr oder weniger die Geschichte meines Lebens; der gute Doctor weiß Bescheid.“

Den Mann habe ich nach jenem Mittag nicht mehr wiedergesehen, auch wenn ich in den folgenden Tagen immer wieder nach ihm Ausschau gehalten hatte. Dr. John ist seit jenem Tag einer der mir wichtigsten musikalischen Begleiter meines Lebens.

Dr. John und der Sound von New Orleans

Geboren im November 1941 als Malcolm John Rebennack in New Orleans, war der Musiker, der sich seit den späten Sechzigern auf der Bühne stets Dr. John the Nite Tripper – der Nachtschwärmer – nannte, einer, der wie kein anderer die unermesslich reiche, diverse, schillernde und amalgamierende Kultur seiner Geburts- und Heimatstadt verkörperte: Voodoo, Mardi Gras, Boogie-Woogie, Soul, R&B und Second-Line-Beats sind nur einige der Grundzutaten seines ganz eigenen musikalischen „Gumbos“ – jenes Eintopfs der kreolischen Küche von New Orleans, der sich dadurch auszeichnet, dass er in einer dicken, scharf gewürzten Mehlschwitze alle Zutaten verbindet, jene aber ihre Form und ihren Geschmack behalten.

In seiner ebenso kuriosen wie fabelhaften Autobiographie Under a Hoodoo Moon (1994) beschreibt Dr. John, wie er zwischen all diesen Traditionen, den kulturellen wie den musikalischen, die in New Orleans sowieso kaum zu trennen sind, aufwächst. Schon als Jugendlicher beginnt er, als Session-Musiker zu arbeiten. Unter anderem spielt er (im zarten Alter von dreizehn Jahren!) als Gitarrist für Professor Longhair, jenem Urgestein des New Orleans Boogie-Woogie Pianos. Er bleibt der Gitarre mehr oder weniger treu, bis im Alter von neunzehn Jahren eine Schussverletzung – unter dubiosen Umständen nach einem Gig in Jackson, Mississippi – seinen linken Ringfinger außer Gefecht setzt.

Wie so oft im Leben, sind es auch in diesem Fall die unvorhergesehen Dinge, die das Eigentliche in Bewegung bringen. Nach der Verletzung trifft Mac Rebennack zwei folgenschwere Entscheidungen: erstens wechselt er sein Instrument, von der Gitarre zum Klavier und zweitens beginnt er, als Solomusiker aufzutreten.

Dr. Johns frühe Platten und die Voodoo-Religion

1968 erscheint dann, mit einem Paukenschlag, der weit über New Orleans hinaus zu hören ist, das Debütalbum des Musikers, der sich inzwischen Dr. John nennt: Gris Gris. Dieses Album zum ersten Mal zu hören ist wohl für so ziemlich jeden eine sehr außergewöhnliche Erfahrung: die befremdliche Musik ist schwer mit einem Etikett zu versehen, schon gar nicht einem Genre zuzuordnen. Der Sound ist ein idiosynkratischer Mix aus Rhythm & Blues, Psychedelic Rock und religiösen Voodoo-Gesängen und -rhythmen. Tatsächlich fällt es mir, wenn ich das Album heute wieder höre, noch immer schwer auszumachen, ob der Grundton nun religiös, progressiv, unheimlich oder psychedelisch ist. Auf jeden Fall passt die neu erschaffene Kunstfigur, die Mac Rebennack bis zuletzt auf der Bühne beibehalten wird, nahtlos zu diesem Sound: Der Name Dr. John geht zurück auf einen legendären und sagenumwobenen Voodoo-Priester aus dem 19. Jahrhundert. – Voodoo, das darf man nicht vergessen, ist in New Orleans bis heute ein hoch angesehener und ernst genommener religiöser Kult mit zahlreichen Anhängern. Zu ihnen zählt damals auch Mac Rebennack, nach eigener Auskunft sogar geweihter Voodoo-Priester, so dass der Name nur angemessen erscheint. (Der Zusatz Dr. ist im New Orleans-Voodoo die Bezeichnung für männliche Priester, weibliche heißen Queen, also „Königin“). Auch äußerlich macht Dr. John aus dieser Verbindung nie einen Hehl: Seit seines Debütalbums, auf dessen Cover er in geheimnisvoll anmutender ritueller Kleidung, feuerbeschienen und rauchumwölkt zu tanzen scheint, trägt er Voodoo-Insignien bei öffentlichen Auftritten; auf Konzerten ziert stets ein Totenkopf seinen Flügel.

In der Bühnenfigur Dr. John lässt Mac Rebennack seine Herkunft also mit den Traditionen und Riten seiner Geburtsstadt verschmelzen, von der er in seiner Autobiographie schreibt: „In New Orleans hat alles – das Essen, die Musik, die Religion, sogar die Art und Weise, wie die Leute reden und handeln – tiefe, tiefe Wurzeln; und wie die verschlungenen Arme der Zypressenwurzeln, die im Sumpf mal hierhin, mal dorthin mäandern, so ist auch in New Orleans alles miteinander verbunden und umeinandergewickelt, in Weisen, die nicht immer offensichtlich sind.“

Nach seinem Debüt geht es für Dr. John rasch bergauf. Eric Clapton, Johnny Winter und Mick Jagger zählen früh zu seinen Fans. Mit zwei weiteren Alben, Dr. John’s Gumbo (1972) und In the Right Place (1973), gelingt ihm letztgültig der Schritt nicht nur auch die US-amerikanische, sondern in die internationale Musikszene. Während das erste Album ein musikalisches Tribut an die Karnevalstradition von New Orleans, dem Mardi Gras ist, gehört das von Allen Toussaint produzierte In the Right Place nach gängiger Ansicht zu den Meilensteinen des New Orleans-Funk der Siebziger.

Dr. John ist seinem musikalischen Stil stets treu geblieben. Auch wenn er seinen frühen, rästelhaften Voodoo-Sound seit den Siebzigern öffnete und alles von Jazz und Boogie Woogie über Blues, Rhythm & Blues, Swing, R&B, Funk und Soul in seine Musik einfließen ließ, braucht es in den allermeisten Fällen nur wenige Takte, um zu hören, dass hier der Doctor am Werke ist.

Das Album, das nach über dreißig sein letztes werden würde, stellt einen magischen Höhepunkt seines gesamten Schaffens dar. Produziert von Dan Auerbach (The Black Keyes), schließt Locked Down (2012) gleichermaßen einen Kreis, indem es musikalische Spurensuche in Dr. Johns frühem Psych-Rock-Sound betreibt, inklusive Voodoo-Rhythmen und Gesängen, und dabei das Spektrum seiner musikalischen Möglichkeiten und Fähigkeiten noch erweitert, etwa durch Afrobeat-Elemente und exotische Instrumentierung.

Das Dr. John-Live-Erlebnis

Im Sommer 2012 hatte ich das große Glück, Dr. John auf der Tour zu diesem Album zu erleben, Open-Air an einem furchtbar verregneten Tag der Stuttgarter Jazz Open. Während die Stuttgarter reihenweise fluchend in ihren Anzügen und Abendkleidern vor dem Regen flohen, gab es andere, die bereits beim ersten Lied – der Mardi Gras-Hymne Iko Iko – im Sommerregen zu tanzen begannen. Selten habe ich mich bei einem Konzert so von dem Sound eingehüllt wiedergefunden, wie es an jenem Abend der Fall war. Als gegen Ende des Konzerts Dr. Johns Hände auf den Klaviertasten die ersten Akkorde zu Right Place. Wrong Time spielten, musste ich an den Mann in New Orleans zurückdenken, an jenem Mittag nach meiner katastrophalen Anreise, der der Ansicht gewesen war, in diesem Lied sein eigenes Leben widergespiegelt zu sehen. Und ist es nicht genau das, warum wir letzten Endes überhaupt Musik hören, Romane lesen, Bilder und Skulpturen betrachten und Filme oder Serien anschauen: in der Kunst, die für uns funktioniert und die auf uns wirkt, begegnen wir uns selbst – und wenn es gut läuft, führt das dazu, dass wir irgendwas dadurch besser verstehen, für unser ganz persönliches Leben und die Dinge, die uns wichtig sind.

Für mein eigenes Leben wurde die Passion für die Geburtsstadt des guten Doctor, für New Orleans, zu einem bestimmenden Faktor.  Seine Musik war und ist mir dabei eine treue Wegbegleiterin, sie vermag sie es auch zuverlässig, Fällen akuten Heimwehs die Heftigkeit zu nehmen.

Der Abschied von Dr. John

Gestern, am 6. Juni 2019, starb Dr. John im Alter von 77 Jahren zuhause in New Orleans.

– Doch Halt: Mit dieser üblichen Formel kann dieser Nachruf nicht enden. Bei einem Jazz Funeral – der traditionellen Beerdigung in New Orleans, bei der eine Brassband den Trauermarsch von der Kirche zum Friedhof begleitet – endet die Zeremonie gerade, und ganz entscheidend, nicht mit dem zu-Grabe-Tragen: Nachdem der Sarg „losgeschnitten“, also ins Grab abgesenkt wurde (to cut the body loose, ist die dortige laxe Ausdrucksweise), wechselt die Band in ein fröhliches, lebensbejahendes Stück, ein Lied wie I’ll Fly Away, Oh When the Saints oder Didn’t He Ramble, und die gesamte Trauergemeinde beginnt, hinter der Band die Straße hinabzutanzen. Denn der Tod, das weiß man in New Orleans, hat wie alles zwei (oder noch mehr) Seiten: neben der Trauer auch die Freude – darüber, dass es den zu Grabe getragenen Menschen gab, dass man ihn kannte und er einen Eindruck im eigenen Leben hinterlassen hat; letzten Endes auch Freude über das Leben selbst, das mindestens so rätselhaft-schön ist wie der Sound von Dr. Johns Musik.

Dieser Nachruf endet daher nicht mit dem Verstummen einer Stimme. Er endet damit, dass sie laut aufgedreht wird. Ganz laut. Bis der treibende Rhythmus einen nicht mehr am Schreibtisch hält.

(Beitragsbild: Dr. John at the 2007 New Orleans Jazz & Heritage Festival by Derek Bridges)

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