Ian McEwan: Maschinen wie ich – Roman

Ian McEwan: Maschinen wie ich – Roman

Zurück in die Zukunft mit Ian McEwan

Für seinen neuen Roman „Maschinen wie ich“ verändert Ian McEwan den Lauf der Geschichte. Der 1948 geborene britische Schriftsteller versetzt uns in das Jahr 1982, in dem die Beatles in Originalbesetzung, also einem lebendigen John Lennon, ein neues, mit einem Symphonieorchester aufgenommenes Album veröffentlichen, England den Falklandkrieg mit enormen Verlusten verliert, Maggie Thatcher nicht wiedergewählt wird, John F. Kennedy den Anschlag von Dallas überlebt hat und der eigentlich 1954 durch Suizid von uns gegangene Vorreiter des digitalen Zeitalters Alan Turing sich 70-jährig bester Gesundheit erfreut und seine Homosexualität ausleben kann, die in den frühen 50er-Jahren in Großbritannien unter Strafe stand und im Fall von Turing mit einer üblen Hormonbehandlung zur chemischen Kastration „geheilt“ werden sollte, die aufgrund einer ausgelösten Depression zu seinem Tod führte.

Ein Android namens Adam

Ian McEwan Maschinen wie ich Cover Diogenes Verlag

Turings Arbeit ist es zu verdanken, dass im Jahr 1982 Internet, Smartphones und selbstfahrende Autos gängige Praxis sind. Neu auf dem Markt sind die ersten Androiden, fünfundzwanzig an der Zahl, zwölf männliche, Adam genannte sowie dreizehn auf den Namen Eve hörende weibliche. Obwohl die menschenähnlichen Roboter ein kleines Vermögen kosten, lässt es sich der technologiebesessene Charlie Friend, aus dessen Perspektive Ian McEwan die Geschichte erzählt, nicht nehmen, zu den ersten Besitzern eines Prototypen zu gehören. Charlie ist Anfang 30, hat eine gescheiterte juristische Karriere sowie ein Studium der Anthropologie vorzuweisen und versucht mehr schlecht als recht als Online-Trader über die Runden zu kommen. Für seine zehn Jahre jüngere, über ihm wohnende Nachbarin Miranda entwickelt er Gefühle und gemeinsam programmieren sie Adam, der, kaum eingeschaltet, seine Intelligenz ausspielt und rasend schnell dazulernt.

Er erweist sich als profitabler Trader, der Charlie zu einem gewissen monetären Reichtum verhilft, aber auch einmal Sex mit Miranda hat und sich in sie verliebt. Bewusstsein, Intuition und Gefühle prägen sich bei Adam aus, können indes eine richtungsweisende Entscheidung nicht verhindern, für die er nur den programmierten Maximen von Wahrheit und Gerechtigkeit unterliegt und die das Leben von Charlie und Miranda auf den Kopf stellen. Die sind längst ein Paar, möchten heiraten und den aus schwierigen Verhältnissen stammenden vierjährigen Mark adoptieren. Mirandas einstiger Racheakt, für den sie vor Gericht lügen musste, wird ihr nun aufgrund von Marks schwerwiegendem Entschluss zum Verhängnis.

Der Moralist Ian McEwan

Ähnlich wie bereits mit „Kindeswohl“ hat Ian McEwan einen erneut faszinierenden moral-philosophischen Roman verfasst, der die künstliche Intelligenz der menschlichen gegenüberstellt. McEwan zeichnet den Androiden als den Menschen überlegene Spezies, als den besseren Menschen, der jedoch mit den spezifischen Winkelzügen, Widersprüchen, Widrigkeiten und Konflikten der Welt im Zwiespalt steht. Überlegenes Wissen gepaart mit einer fast vollkommenen Reinheit des Gewissens kennzeichnen die Adams und Eves, die in „Maschinen wie ich“  reihenweise an der Realität des Lebens zerbrechen. Ian McEwan hat sich längst zu einem der großen Moralisten der zeitgenössischen Literatur entwickelt, der mit vorzüglichen Romanideen und einem zwischen philosophierenden Passagen und scheinbar spielerisch leichter Erzählprosa changierenden Stil zu den bedeutendsten Gegenwartsautoren gehört und einen hervorragenden Kandidaten für den Literaturnobelpreis abgibt.

In „Maschinen wie ich“ greift der englische Romancier bereits auf den ersten Seiten den von Mary Shelly in „Frankenstein“ ausgerollten Faden über die künstliche Entstehung neuer Menschen auf. Und dass er den Plot seines aktuellen Werkes 1982 spielen lässt, ist kein Zufall, erschien in jenem Jahr Ridley Scotts bahnbrechender, thematisch naher, dystopischer Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“, der den Blick ins Jahr 2019 riskiert. Ein echter Ian McEwan-Roman, ein echtes literarisches Lehrstück.

Ian McEwan: „Maschinen wie ich“, Diogenes, aus dem Englischen von Bernhard Robben, Hardcover, 416 Seiten, 978-3-257-0768-2, 25 € (Beitragsbild von Annalena McAfee).

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