Leonardo Padura: Die Durchlässigkeit der Zeit

Leonardo Padura: Die Durchlässigkeit der Zeit

Leonardo Padura zeichnet im neuen Mario Conde-Roman ein erschütterndes Bild Kubas

Mit dem „Havanna-Quartett“ berühmt geworden, lässt Leonardo Padura seinen Antihelden Mario Conde wieder durch Kubas Hauptstadt streifen. „Die Durchlässigkeit der Zeit“ heißt Paduras neuer, wie üblich von Hans-Joachim Hartstein übersetzter Roman um den ehemaligen Polizeikommissar Mario Conde, der seinen Job im letzten Havanna-Band „Das Meer der Illusionen“ an den Nagel hängte, um sich fortan als Buchantiquar durchs Leben zu schlagen. Das war 1989 und 25 Jahre später, Conde steht kurz vor seinem 60 Geburtstag, übernimmt er mal wieder einen Fall als privater Ermittler. Ständige finanzielle Nöte zwingen ihn, gelegentlich seinen Polizistenspürsinn unter Beweis zu stellen. Diesmal meldet sich sein ehemaliger Schulfreund Roberto Roque Rosell, genannt Bobby, bei Conde und bittet ihn um Hilfe.

Die gestohlene Madonna-Statue

Leonardo Padura Die Durchlässigkeit der Zeit Cover Unionsverlag

Eine im seit Jahren im Familienbesitz befindliche Madonna-Statute, eine hölzerne „Jungfrau von Regla“ mit angeblichen Wunderkräften, sowie diverse Juwelen sind ihm von seinem Lover Raydel geklaut worden. Bobby musste früher als Schwuler mit schweren Repressalien leben, führte lange Zeit ein heterosexuelles Familienleben, gehört nun zu einer kleinen, im Wohlstand lebenden Upper Class Havannas und die Wiederbeschaffung der wertvollen Marienholzstatue ist ihm für Condes ärmliche Verhältnisse sehr viel Geld wert. Während seiner Ermittlungen begleiten wir Mario Conde durch ein tief gespaltenes Havanna, das von der staatlich immer noch gepriesenen Gleichheit der Menschen ewig weit entfernt ist. Leonardo Padura führt uns in die elendsten Slums Havannas, wo Armut, Gewalt und Kriminalität herrschen und wohin sich nicht einmal der Ex-Polizist Conde alleine wagt. Padura zeichnet ein erschütterndes Bild Kubas, das auch den melancholischen, tieftraurigen und von den fehlenden positiven Veränderungen nach der vermeintlichen Öffnung des Landes enttäuschten Mario Conde entsetzt.

Ein Roman von Leonardo Padura lohnt sich immer

Paduras Bücher waren von jeher mehr akribische Gesellschaftsstudien als auf Hochspannung aufbauende Kriminalromane. In „Die Durchlässigkeit der Zeit“ indes setzt der 1955 geborene Schriftsteller den Fokus noch deutlicher auf die detaillierte Beschreibung des strukturellen gesellschaftlichen Wandels Kubas. Die Geschichte der gestohlenen Madonna-Statue verfolgt Padura wie so häufig in seinen Romanen mit einem parallel verlaufenen historischen Strang. An einigen Stellen driftet er zusammen mit Conde ins Esoterische, aber das verzeihen wir ihm nur zu gern, schließlich wiegen seine exzellent ins Szene gesetzten Charaktere sowie sein sonst geschmeidiger und realistischer Ton kleinere, spirituelle Extravaganzen wieder auf. Leser zeitgenössischer Literatur sollten zu den erhellenden und lehrreichen Romanen Leonardo Paduras greifen. Es lohnt sich, immer und immer wieder.

Leonardo Padura: „Die Durchlässigkeit der Zeit“, Unionsverlag, Hardcover, aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein, 448 Seiten, 978-3-293-00542-6, 24 € (Beitragsbild: Buchcover).

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