Christine Zureich: Meine Top-Ten-Alben

Christine Zureich: Meine Top-Ten-Alben

Die Schriftstellerin Christine Zureich stellt ihre zehn Lieblingsalben vor

Unsere schöne Reihe „Schriftstellerinnen und Schriftsteller stellen ihre Top-Ten-Alben vor“, zuletzt hatten wir Kai Wieland im Programm, geht in die nächste Runde. In der neuen Ausgabe obliegt es der am Bodensee lebenden Autorin Christine Zureich, deren aktueller Roman „Garten, Baby!“ im Ullstein Verlag erschienen ist, uns ihren Musikgeschmack näher zu bringen. Weitere Informationen zu Christine Zureich finden Sie auf ihrer Homepage (Beitragsbild von Patrick Pfeiffer). Sounds & Books wünscht viel Vergnügen mit den

Top-Ten-Alben von Christine Zureich

1. Morphine: Yes. Als überwiegend schwarz gekleideter Teenager fiel es mir schwer zuzugeben, dass ich—ja, klar—Musik machte, aber eben auf einem verheißungsvoll blitzenden, warm und menschlich klingenden Saxofon und nicht etwa einem Synthesizer. Oder einer Kettensäge. Die US-amerikanische Band Morphine versöhnte mich mit meinem Instrument. Die ungewöhnliche Besetzung: knarzendes Bariton-Sax, Drums und Slide Bass. Mein Lieblingstrack, immer noch: Honey White.

2. Johnny Cash: American IV: The Man Comes Around. Meine Tochter heißt mit Zweitnamen June. Das sagt schon einiges. Wobei das nicht nur eine Referenz auf Johnnys Frau, sondern auch an den Monat ihrer Zeugung ist (too much information?). Cashs brüchige Stimme auf diesem letzten Album berührt mich jedes Mal aufs Neue. Mein Vater, der sich 1995 das Leben nahm, spielte mir als Kind abends auf der Gitarre „Streets of Laredo“ als Schlaflied vor. Mein besonderer Song auf diesem Album also.

3. Dionne Warwick: Dionne Warwick sings the Bacharach & David Songbook. Mein Erstkontakt zu Dionne Warwick: Die alten Nachbarn meiner Eltern zogen von Long Island nach North Bergen, NJ, ins gleiche Hochhaus wie Dionne mit Sicht auf Manhattan.„Fahrstuhlmusik“, hieß es, mache die, „Muzak“. Jahre später hörte ich irgendwo „Anyone Who had a Heart“, das mich verzauberte. 2015 listete Rolling Stone Burt Bacharach & Hal David auf Rang 32 der 100 besten Songwriter aller Zeiten. Ha!

4. September Songs. The Music of Kurt Weill. David Costello, PJ Harvey, Nick Cave, The Persuasion bringen großartige Interpretationen von Kurt Weill Songs. Mein absoluter Liebling: Lou Reed, Septembersong mit feinem Gitarrensolo.

5. Nick Cave: The Good Son. Gepflegte Melancholie, die seit einem Vierteljahrhundert (habe wirklich ich das gesagt?) das Absurde schafft, nämlich mich zum Lächeln zu bringen. Ship song, ahhhhh!

6. Various: Juno (Music from the motion picture). Darf ich das? In einer Top 10 Album-Liste den Soundtrack zu einem Film nennen? Was sollen die Puristen denken? Mit solchen Fragen der Legitimität in Sachen Geschmack und Präferenzen habe ich mich lange genug herumgeschlagen: Ich liebe diese Sammlung. Barry Louis Polisar neben Buddy Holly, Sonic Youth, Velvet Underground, Yo la Tengo. Das Beste für mich: Anyone Else But You. The Moldy Peaches.

7. Sinead O’Connor Am I not your girl? Wenn man sich als Mensch unter 60 für klassische Broadway-Songs begeistern kann, katapultiert man sich schnell ins soziale Aus. Sinead O’Connors dekonstruiert das Genre mit einer verzweifelten Verve, lässt aber noch genug davon stehen für den typischen Big Band-Groove. Ich höre es immer noch gern, auch wenn ich nicht mehr dringend eine dunkle Seite brauche, um Swing öffentlich gut zu finden. Lorenz Hart und Richard Rogers „Bewitched, Botherd and Bewildered“ ist mein Liebling.

8. The Knife: Deep Cuts. Sasha Frere-Jones hat mich draufgebracht, eine Rezension im New Yorker. Der Sound trifft mich körperlich. Resonanz in jeder Zelle. Vor allem natürlich: „Heartbeats“.

9. Violent Femmes. Violent Femmes. Immer noch großartig zum Tanzen.

10. Bo Kaspers Orkester: Hittils. Bevor ich meine Auslandssemester in Uppsala antrat, musste ich dauernd ad hoc Darbietungen von Wencke Myhres „Ein Student aus Upsalalala“ über mich ergehen lassen. Aber erst mal dort habe ich, eine Art kosmisch-musikalischer Gerechtigkeitssinn, Bo Kaspers Orkester kennen gelernt. Sommer 2018 habe ich sie endlich live gesehen, in Stockholm. Mein Lieblingsalbum versammelt die besten Songs von 1993-1998. Der allerbeste davon: Svårt att säga nej.

Herzlichen Dank an Christine Zureich für die Vorstellung ihrer Top-Ten-Alben bei Sounds & Books.

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.