James Blake: Assume Form

James Blake: Assume Form

Der glückliche James Blake

Trauer. Schmerz. Das war lange das Thema des Mannes, der in den vergangenen Jahren zum bekanntesten Schmerzensmann der elektronischen Musik aufsteigen konnte. Zarte Einwände, seine Musik sei zu verschachtelt, zu verheddert, sie würde einem Knoten gleichen, der sich kaum auflösen ließe, diese Einwände sind inzwischen verstummt: Heute ist der 1988 geborene Londoner gleichsam unantastbar. Seine Alben sind Glücksmomente für nicht wenige, sondern beinahe für alle.

Der Elektro-Soul des James Blake

James Blake Assume Form Cover Polydor Universal

Und genau das, Glücksmomente zu schaffen, das gelingt ihm auch auf seinem neuen Album wieder. Auffällig ist schon das Cover. Stand der junge Mann beim vergangenen Werk „The Colour In Anything” noch in einer reichlich öden Landschaft mit aufgestelltem Kragen herum, so blickt er uns nun auf dem Cover von „Assume Form“ ganz entspannt, ganz offen und ganz direkt an. Dann geht es los – und man erkennt bald, dass das, was im Jahr 2011 mit „James Blake“ begonnen hat, nun dann doch langsam zu Ende gegangen ist. Der dunkle Blake’sche Dubstep ist ganz und gar einer neuen, synthetischen Elektronik gewichen. Seine digitalen Chansons, sein Elektro-Soul erinnert inzwischen stark an den postmodernen R’n’B eines Frank Ocean. Die Liebe zur Destruktion des Sounds tritt zunehmend in den Hintergrund.

Die großen Melodien

Doch ist es wirklich so? Manche Beats erinnern an den alten Blake. Manche Piano-Linien. Sein Gesang sowieso: dieser ätherische, zerbrechliche Gesang, der immer noch für die ganze Musik steht – in ihrer Fragilität. Das Sampeln und Filtern von Stimmen, das Miteinander aus dürren Loops und großen, ganz großen Melodien. Mit der Neo-Flamenco-Sängerin Rosalía intoniert der jüngst nach Los Angeles übersiedelte Blake das Duett „Barefoot In The Park“ – und eine neue kalifornische Leichtigkeit umstrahlt das eine oder andere Stück. Aber auch ganz düstere, nächtlich-finstere Klänge gibt es auf „Assume Form“ zu hören. Immer noch.

James Blake klingt entspannt

Ist es nun doch der alte James Blake, der hier musiziert – oder ein neuer? In jedem Fall ist es ein Künstler, der den Hörer immer wieder in seinen Bann zieht. Es dauert nur wenige Sekunden, dann steckt man irgendwie auch in diesem Album, das mit Travis Scott einen weiteren US-Star als Sänger präsentiert. Doch die besten Stücke, die macht Blake ganz alleine, ganz ohne prominente Feature-Gäste: Da braucht er nur sich und seine Stimme, die er zum Chor sampelt, wie bei „Lullaby For My Insomniac“. Und dennoch, ganz am Ende wächst die Erkenntnis: Dieses neue Album trifft nicht ins Innerste, zumindest nicht so sehr, wie die Platten davor: Die Gebrochenheit ist nicht mehr da, die Melancholie ist nicht mehr da, die Subjektivität. Nicht mehr so da, wie zuvor. James Blake klingt heute entspannt, was auch persönliche Hintergründe hat, denn der Mann hat sich verliebt.  Verglichen mit frühen Perlen wie „Limit To Your Love“ wirken die Stücke des neuen Albums glücklich. Allzu glücklich? Womöglich.

Assume Form“ von James Blake ist am 18.01.2019 bei Polydor / Universal erschienen (Beitragsbild: Albumcover).

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.