Elena Ferrante: Frau im Dunkeln – Roman

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln – Roman

Lakonisch-bedrückendes Frühwerk von Elena Ferrante

Es benötigte dann doch den internationalen Erfolg der Tetralogie um die beiden höchst unterschiedlichen Freundinnen Lila und Elena, um die Literatur von Elena Ferrante auch in Deutschland zu popularisieren. Dem ausgerufenen „Ferrante-Fieber“ konnte man sich kaum entziehen und wurde durch die Lektüre der vier wahrlich atemberaubenden, auch bei Sounds & Books besprochenen Romane „Meine geniale Freundin„, „Die Geschichte eins neuen Namens„, „Die Geschichte der getrennten Wege sowie Die Geschichte des verlorenen Kindes“ belohnt.

Übersetzungen früher Elena Ferrante-Romane

Versuche, Ferrantes Frühwerke dem deutschen Publikum in den 90er- und Nuller-Jahren näher zu bringen, blieben erfolglos. Nachdem der Suhrkamp-Verlag 2018 bereits den Elena Ferrante-Debütroman Lästige Liebe in einer Neuübersetzung (wiederum von Karin Krieger, die auch für die sogenannte „Neapolitanische Saga“ zuständig war) veröffentlicht hat, ist nun Frau im Dunkeln erschienen, in Italien 2006 auf den Markt gebracht. In Deutschland folgte ein Jahr später die DVA-Übersetzung von Anja Nattefort, die sich nun nochmal um die Suhrkamp-Ausgabe kümmerte. Bekannte Motive aus dem opulenten und weltweit erfolgreichen Freundschafts- und Familienepos finden sich mannigfaltig in Frau im Dunkeln wieder.

Der Strandurlaub und die Folgen

Elena Ferrante Frau im Dunkeln Cover Suhrkamp Verlag

Die aus Neapel stammende und in Florenz Englische Literatur lehrende Professorin Leda verbringt ihre Sommerferien mit Fachliteratur am Strand. Sie beobachtet das Treiben einer neapolitanischen Großfamilie, deren Gebaren, die „aufdringliche Herzlichkeit“, die sie aus dem eigenen familiären Dunstkreis kennt, sie jedoch bald entnervt. Gefallen findet sie indes an Nina und ihrer jungen Tochter Elena, die sie an die eigene Mutterrolle erinnern. An die Zeit, als sie in ihren Mittzwanzigern ihre beiden kleinen Töchter für drei Jahre verließ. Diese wohnen nun in Toronto, wohin Ledas Ex-Mann gezogen ist. Obwohl sie die örtliche Veränderung ihrer Töchter als Befreiung empfindet, scheint Leda auch von einer gewissen Einsamkeit gefangen. So lässt sie eines Tages die Puppe der kleinen Elena mitgehen und löst damit turbulente Zeiten innerhalb der neapolitanischen Familie und ihrer selbst aus.

Bekannte Motive und ein brillanter letzter Satz

Elene Ferrante breitet die Grundlagen der epischen Neapel-Tetralogie wie Neapel, Herkunft, Dialekt, Puppe, komplizierte Frauenverhältnisse, psychische Abgründe, der Spannungsaufbau, die feinfühlige und kluge Sprache sowie die Ich-Perspektive aus weiblicher Sicht, in diesem lakonisch-bedrückenden, auf knapp 200 Seiten komprimierten Roman bereits aus. Mit Frau im Dunkel zeigt die italienische Schriftstellerin, dass sie kleine und feine Romane ebenso pointiert zu schreiben vermag und eine hervorragende Erzählerin schon vor der ruhmreichen Neapolitanischen Saga war. Es gibt Menschen wie Harry aus dem Film „Harry & Sally“, die immer zuerst den letzten Satz eines Buches lesen, damit sie wissen, wie der Romans ausgeht, falls sie während der Lektüre-Zeit sterben. Der Ausgang und der Clou der Geschichte wird nicht verraten, aber der brillante letzte sehr wohl: „Ich bin tot, aber es geht mir gut“.

Elene Ferrante: „Frau im Dunkeln“, Suhrkamp, aus dem Italienischen von Anja Nattefort, Hardcover, 188 Seiten, 978-3-518-42870-2, 22 €.

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