Vladimir Sorokin: Manaraga – Tagebuch eines Meisterkochs

Vladimir Sorokin: Manaraga – Tagebuch eines Meisterkochs

Vladimir Sorokin schaut mit seiner neuen Gesellschaftsfarce in eine düstere Zukunft

Mögen Sie „Schaschlyk vom Stör auf dem Idioten“? Ein „Steak über Finnegan’s Wake“? Oder doch lieber gleich den „Tripple-Grill: Dostojewskis Grüner Junge, Platonows Tschewengur und ein Erzählungsband von Soschtschenko. Demgemäß ein Steak aus Kobe-Rind, Baby Calamari und eine Seeteufelsteak“? In Vladimir Sorokins Zukunftsvision „Manaraga – Tagebuch eines Meisterkochs“ werden Bücher nicht mehr im herkömmlichen Sinne gelesen. Bücher werden im Jahr 2037 noch nicht einmal mehr gedruckt.

Der Zukunftshype heißt „Book’n’Grill“

Vladimir Sorokin Manaraga Cover Kiepenheuer & Witsch

Für die Meisterköche der Welt sind Bücher – vorrangig Erstausgaben – indes das Lebenselixier. „Book’n’Grill“ heißt das Untergrund-Phänomen, durch das auch Chefkoch Geza seinen Bekanntheitsgrad erreichte und nun um die Welt jettet, um auf Bestellung russische Klassiker in formvollendeter Manier als Brennscheite für seine Grillkünste zu benutzen. Eine diffizile Kunstform für Geza und seine Kollegen, sie müssen die Bücher exakt und richtig, „lesen“, um ein Dinner nicht zu verpfuschen und die dekadenten  Auftraggeber zufriedenzustellen, sonst drohen Konsequenzen in Form von körperlicher Gewalt. Ein lukrativer wie gefährlicher Job also, für den Handlanger, die die Erstausgaben aus Bibliotheken entwenden und dafür Morde riskieren, bezahlt und Polizisten geschmiert werden müssen. In einer Mafia-ähnlichen Unternehmensstruktur haben sich die Meisterköche organsiert, Vorsicht und Respekt sind geboten, Verräter spielen mit der Gefahr der Exekution. Das Auftauchen eines Nachdrucks von Nabokovs „Ada“ in hoher Auflage erschüttert das System des „Book’n’Grill“ in seinen Grundfesten.

Vladimir Sorokin schlägt zurück

Regimetreue Anhänger verbrannten in Sorokins Heimat Russland bereits dessen Bücher, der kritische Geist wehrt sich und kontert auf seine Art mit dieser vorbildlichen Farce und Satire, erzählt  aus Gezas Ich-Perspektive. Sorokin zeichnet ein düsteres Szenario eines refeudalisierten Europas nach der Zweiten Islamischen Revolution und einem anschließenden Krieg. Der Roman beginnt mit brillantem Witz und einigen glorreichen Spitzen gegen das russische System, hat in der Mitte ein paar Längen und kulminiert in einem rauschhaften Finale.

Vladimir Sorokin:  „Manaraga – Tagebuch eines Meisterkochs, Kiepenheuer & Witsch, aus dem Russischen von Andreas Tretner, Hardcover,  256 Seiten, 978-3-462-05126-1, 20 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)

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