Daniel-Pascal Zorn: Meine Top-Ten-Alben

Daniel-Pascal Zorn: Meine Top-Ten-Alben

Der Philosoph und Schriftsteller Daniel-Pascal Zorn stellt seine zehn Lieblingsalben vor

Die Sounds & Books-Rubrik „Top 10“ ist eine verlässliche Größe, die alle vier Wochen mit den Songs des Monats, im Dezember mit Endjahreslisten sowie zwischendurch mit der Auswahl der besten Songs diverser Bands in den Fokus gerät. Um der Rubrik einen neuen Antlitz zu verleihen und die titelgebenden Aspekte dieses Magazins, Musik und Literatur, zu vereinen, bitten wir Schriftstellerinnen und Schriftsteller, uns ihre zehn Lieblingsalben zu präsentieren. Alle AutorInnen, die eine Affinität zu Rock, Pop und Jazz besitzen, sind herzlich eingeladen, uns eine Top-Ten-Liste zukommen zu lassen. Den Auftakt dieser Reihe macht der Philosoph und Autor Daniel-Pascal Zorn, der 2017 mit seinen Kollegen Per Leo und Maximilian Steinbeis das Buch „Mit Rechten reden“ bei Klett-Cotta veröffentlich hat und den Blog Rechtfertigung betreibt. Viel Vergnügen mit den Top-Ten-Alben von Daniel-Pascal Zorn.

Die Auswahlkriterien des Daniel-Pascal Zorn

>> Es ist unmöglich, zehn Alben auszusuchen, wenn man sein ganzes Leben lang Musik gehört hat. Vielleicht zehn Alben für jede Musikrichtung oder zehn Alben, die einem in bestimmten Lebenssituationen etwas gegeben (oder genommen) haben. Versucht man es trotzdem, wird es banal, weil die üblichen Verdächtigen die Plätze besetzen: Pet Sounds von den Beach Boys, Ornithology von Charlie Parker oder Atmosphères von György Ligeti. Und selbst dann bleibt man mit sich uneinig, ob da nicht doch lieber Pink Floyd, John Coltrane und Karlheinz Stockhausen stehen sollten. Ich habe also gar nicht erst versucht, mich in eine monatelange Meditation über die diffizilen Abwägungen zwischen Sound, Bedeutung und Bewertung zu stürzen und habe einfach eine Liste der Rock- und Metalalben gemacht, die bei mir mit einer gewissen Regelmäßigkeit gespielt werden.

Tool – Lateralus

Tool ist die musikgewordene Schlagzeugneurose. Man ertappt sich ständig dabei, die 5/8tel, 12/8tel und 15/8tel-Takte auf den Beinen mit zu klopfen. Zusammen mit Adam Jones‘ Stop-and-Go-Riffs und dem eigentümlichen Sprechgesang von Maynard James Keenan entfaltet das eine hypnotische, beinahe bewusstseinsverändernde Wirkung. Hört man Tool mit anderen, ist jeder für sich. Man stiert sich trotzdem an, halb im Takt und halb im Riff versunken und weiß, dass der andere weiß.

Kyuss – Welcome To Sky Valley

Musik transportiert Stimmungen. Bei Kyuss fahre ich immer in einem Cabriolet mit einem Mojito in der einen und einem Joint in der anderen Hand durch die Wüste. Mich stört dabei nicht, dass ich gar keine Hand mehr frei habe, um zu lenken. Der Sound ist eine Mischung aus grundloser Coolness, Scheißegal-Attitüde und Groove. Das geht so weit, dass man die Musik beim Livekonzert so chillig findet, dass man erst hinterher merkt, wie laut sie eigentlich war.

Elder – Reflections Of A Floating World

Ich mag dieses Album vor allem deswegen, weil Elder es hinbekommen, den schwerfälligen, am Blues und Groove orientierten Stonerrock schwerelos klingen zu lassen und so zum Fließen zu bringen. Der Albumtitel ist daher vor allem eine akurate Beschreibung des Stils: Die Spiegelung einer schwerelosen Welt, aber vom Spiegel aus gesehen, der schwer und wuchtig auf einem Felsplateau ruht.

Gojira – L’Enfant Sauvage

Die Rezension, die mir dieses Album nahegebracht hat, formulierte es so: „Ein Album für Menschen, die wissen wollen, was die Erde am 16. Juli des Jahres 1945 um fünf Uhr 29 Minuten und 45 Sekunden fühlte, als in der Wüste von New Mexico die erste Atombombe der Geschichte auf ihrer Oberfläche explodierte. Für Menschen, die wissen wollen, was diese Atombombe fühlte, als sie explodierte. Für Leute, die eine Ahnung davon bekommen wollen, welche Geräusche zwei Kontinentalplatten machen, wenn sie miteinander ficken.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Guns N’ Roses – Appetite for Destruction

Meine erste Rockplatte. Ich durfte mir drei Alben aussuchen und wählte ABBA, Elvis Presley und das Debütalbum von Axl, Slash, Izzy, Duff und Steven. Eine Zeitlang hingen die fünf auch als BRAVO-Poster in meinem Kinderzimmer. Über all das ist der Sandstrahl der Zeit hinweggegangen. Geblieben ist dieses großartige Sludgerock-Album. Auch die Lieblingssongs wechseln. Früher waren es Welcome to the Jungle und Paradise City, heute Nighttrain und Out Ta Get Me, man wird ja dann doch erwachsen.

Elephant Tree – Theia

Eine ziemlich unbekannte englische Band, deren Mischung aus Doomriffs, Satzgesang, ein bisschen Hardcore-Einfluss und sehr viel Melodik es mir sofort angetan hat. Die Stimmung funktioniert gut an kalten Wintertagen, an denen die Sonne scheint, man sich aber irgendwie zu Größerem aufgelegt fühlt als einfach nur einzukaufen. Am Ende kommt man dann doch wieder mit Spaghetti und Tomaten nach Hause, aber auf dem Weg ist man einmal mit der ganzen Welt ins Gericht gegangen und hat sie doch noch einmal verschont.

Machine Head – Unto The Locust

Alles, was Metal ist. Prätentiös, bedeutungsschwer, Doppelgitarrensolos, Breakdowns, melodisches Klagen, wütende Death Growls. Ein bisschen Erlösung nach Jahren der ironischen, die eigene Krassheit überholenden, experimentellen, avantgardistischen, dem Realismus verpflichteten Metalkultur: Metal darf wieder wie in den 80ern klingen. Für mich ist Unto The Locust zusammen mit dem Debüt Burn My Eyes das rundeste Machine-Head-Album. Typisches Metal-Fan-Gerede, aber hier gehört es nun mal hin.

Baroness – Red Album

Baroness sind schwer zu beschreiben. Ein Genremix aus Stoner, Progressive Rock, Folk und Metal. Einstiegsdroge war die Triolenhymne Isak, die zu den meistgehörten Songs in meiner Playlist gehört. Irgendwann träumt man von dieser abgestoppten Gitarre: Tick-a-tick tick-a-tick tick-a-tick tick-a-tick… Mittlerweile laufen alle Farben (Gelb und Grün, Blau, Violett) durch den Player, vor allem beim Sport. 

Dool – Here Now, There Then

Die Formation aus den Niederlanden um Ryanne van Dorst steht für mich vor allem für Sentimentalität. All die Abende, an denen wir uns aufmachten in einen der legendären Gothic-Schuppen in Süddeutschland. Der Gestank von billigem Patschuliöl auf den Lack-und-Leder-Kleidchen der Gothic-Püppchen, die Matrix-Mäntel, die im Nachtwind wehen. Dool bringt diese Erinnerungen allerdings runter auf den Boden und verbindet sie mit recht ehrlichem Rock, etwas seltsamem Songwriting und dem Hang zu einer Weichheit, die Härte sein will. Eine liebevolle und wohl ungewollte Ironisierung der vergangenen Zeit.

Metallica – Master Of Puppets

Metallica mag man oder man mag sie nicht. Insbesondere Schlagzeuger Lars Ulrich ist mittlerweile ein Internet-Meme geworden, wenn von schlechten Schlagzeugern die Rede ist. Dabei ist er vollkommen egal. Master Of Puppets ist das letzte Album mit dem Bassisten Cliff Burton und so klingt es auch. Ein Hauch von experimentell, eine Tiefe, die Metallica danach nie mehr erreicht und irgendwann auch aktiv verleugnet haben. Für mich der Höhepunkt der Band und eine Platte, die seltsamerweise nie alt klingt. <<

Herzlichen Dank an Daniel-Pascal Zorn für die Vorstellung seiner Top-Ten-Alben bei Sounds & Books (Beitragsbild: Credit: Daniel-Pascal Zorn).

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