André Kubiczek: Komm in den totgesagten Park und schau

André Kubiczek: Komm in den totgesagten Park und schau

André Kubiczek schickt seine Protagonisten in den Eskapismus

In seinem letzten Roman verschlug es André Kubiczek ins Jahr 1985. In Skizze eines Sommers zeichnete der Berliner Schriftsteller die Jugendszene Potsdams jenes Jahres auf eine charmante und heiter-melancholische Weise ab, die in auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 katapultierte. Jugendliche und ostdeutsche Gebiete spielen in Komm in den totgesagten Park und schau ebenfalls eine Rolle, von der unbeschwerten Atmosphäre  seines Vorgängers ist Kubiczeks achter Romans indes weit entfernt.

Zwei Briefroman-Perspektiven

Wir befinden uns in der Gegenwart und drei Männer verschanzen sich in einer Hütte in der Nähe eines tschechischen Dorfes, unweit von Prag entfernt. Sie sind auf der Flucht vor der Realität, mit der alle in unterschiedlichen Formen Probleme haben. Der neunzehnjährige Felix schreibt seiner „Freundin“ Nina einen Brief, der seine Zwangslage erklärt, an gemeinsame Unternehmen, wie einer Antifa-Demo in Köln, erinnert und seine Jugendzeit beleuchtet. Die verbrachte er mit Mutter und älterer Schwester in Bonn, nachdem sich die Eltern vor zehn Jahren getrennt hatten. Nach einer schwerwiegenden Sachbeschädigung drohte für ihn polizeiliches Ungemach, die nahe Zukunft nach dem Abitur ungewiss, und so beschloss er, seinen Vater in Berlin aufzusuchen.

Probleme, nichts als Probleme

André Kubiczek Komm in den totgesagten Park und schau Cover RowohltDieser sitzt ihm gegenüber und schreibt seinerseits einen Brief an Felix, der just bei seinem Vater auftauchte, als dessen Welt aus dem Ruder lief. Marek, der Lyrik-Professor an der Humboldt-Universität, dessen Büro symbolhaft im Keller des Gebäudes untergebracht ist, hat enorme Schwierigkeiten mit einer Sachbearbeiterin der Jugendbehörde. Auch die zweite Tochter seiner brasilianischen Frau Adriana gerät nicht nach Wunsch und Mareks ehemaliger Student und Uni-Kollege Veit Stark, der nach einem Racheakt in der Cottbusser Heimat selbst schwer in die Bredouille geraten ist, erweist sich als begleitender Problemlöser als falsche Wahl. Die als vorübergehend gedachte „Reise“ entwickelt sich zu einem wochenlangen Abtauchen mit Spurenbeseitigung und abgebrochener Kommunikation zur früheren Welt.

André Kubiczek spart nicht mit unbequemen Ansichten

Eine aus dem Ruder gelaufene Welt, in der sich der Germanistik-Dozent Veit Stark hinter einem Twitter-Account versteckt und rechtspopulistische, am Rand der Legalität befindliche Beiträge teilt und die „Apokalypse Deutschlands“ nahen sieht. Eine Welt, in der seine dunkelhäutige Studentin Noa Snow  vom rechten Mob in einem Cottbusser Vorort ins Krankenhaus geprügelt wird. André Kubiczek zeigt uns diese Welt ungeschönt, spart nicht mit unbequemen Ansichten und hinterlässt in Komm in den totgesagten Park und schau eine nachdenkliche und aufwühlende Stimmung.

Gescheiterte Existenzen

Während er die familiären Bekenntnisse von Vater und Sohn also aus deren Ich-Perspektive schildert, wählt Kubiczek die distanzierte personale Erzählform für die Geschichte Veits, der ambivalentesten Figur dieses Romans, der das Deutschland unserer Zeit abbildet. Der 1969 in Potsdam geboren Schriftsteller stellt uns drei auf ihre Art gescheiterte Existenzen vor, die den Eskapismus der letzten Verantwortung ihres Handelns vorziehen. Aber ist die Welt nicht manchmal genau so? Einfach zum Davonlaufen? Ganz im Gegenteil zu André Kubiczeks neuem Roman. Der ist es wert, gelesen zu werden.

André Kubiczek: „Komm in den totgesagten Park und schau“, Rowohlt Berlin, Hardcover, 384 Seiten, 978-3-644-10015-2, 22 € (Beitragsbild von Gérard Otremba).

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