Éric Vuillard: Die Tagesordnung

Éric Vuillard: Die Tagesordnung

Der Prix Goncourt-Gewinner Éric Vuillard untersucht die Machtstrukturen der NSDAP

Drei geschichtliche Vorfälle nimmt Éric Vuillard in „Die Tagesordnung“ zum Anlass,  um die Nazi-Herrschaft zu beleuchten. Das Treffen wichtiger Industriemagnaten, darunter die Bosse führender Firmen wie I.G. Farben, Opel, Siemens, BASF, Bayer, Agfa, Allianz und Telefunken (von Vuillard als „die Priester der deutschen Großindustrie“ genannt, also die Krupps, die Quandts, die von Fincks und von Schnitzlers usw.), mit der NSDAP-Führung im Februar 1933 über die mögliche Finanzierung des Wahlkampfes für den 05. März des gleichen Jahres.

Besuche in Österreich und England

Eric Vuillard Die Tagesordnung Cover Matthes und SeitzAdolf Hitlers Zusammenkunft mit Österreichs Bundeskanzler Kurt Schuschnigg 1938 am Berghof, für die Éric Vuillard Schuschniggs Memoiren zitiert, in denen dieser Hitler „eine magische Gewalt auf Menschen“ zubillige und somit dem von Joseph Goebbels gezeichneten Propagandabildes des deutschen Reichskanzlers zustimme, das diesen als „übernatürliches Wesen, trügerisch, furchteinflößend und genialisch“ zeige. Dritte Station in Vuillards Buch ist der Besuch Joachim von Ribbentrops (Reichsminister des Auswärtigen) bei Neville Chamberlain und Winston Churchill am Abend des Einmarsches in Österreich einen Monat nach der Hitler-Schuschnigg-Begegnung, bei dem die Anwesenden noch die Muße hatten, über das Spiel der amerikanischen Tennislegende Bill Tilden zu parlieren.

Die große Kunst des Éric Vuillard

Mit bissiger Ironie erzählt Vuillard, wie die Nazis ihrem jeweiligen Gegenüber die Tagesordnung diktieren, und alle gehen sie ihnen auf den Leim. Es ist Éric Vuillards große Kunst, historische Ereignisse in schmalen Büchern prägnant zu verdichten. Seine wie beiläufig wirkenden Abschweifungen, wie die genuine Mini-Replik auf Briefkastenfirmen oder die Enthüllung wichtiger Wesenszüge von Diktatoren, sind dabei immer der Sache dienlich und erklären in wenigen Sätzen mehr, als andere Kollegen in ellenlangen Abhandlungen. So benötigt der 1968 geborene Vuillard lediglich eine Seite für eine präzise Beschreibung des Zwangsarbeiterelends während der Nazi-Diktatur und auf zwei eindringlichen Seiten schildert er den enormen Anstieg an Selbstmorden in Österreich nach dem Reichsanschluss. Mit dem Buch „Die Tagesordnung“, für das Éric Vuillard 2017 den Prix Goncourt erhielt, führt der französische Schriftsteller das erzählende Sachbuch auf ein neues literarisches Level.

Éric Vuillard: „Die Tagesordnung“, Matthes & Seitz, aus dem Französischen von Nicola Denis, Hardcover, 128 Seiten, 978-3-95757-576-0, 18 €.

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