Überjazz 2018: Festivalreview

Überjazz 2018: Festivalreview

Das Überjazz 2018, ein Festival für Entdecker

28 Künstler an zwei Tagen, 18 davon zum ersten Mal in Hamburg: Das Überjazz ist ein echtes Entdeckerfestival. In vier Kampnagelhallen spielten Größen neben Newcomern und Comebackern. Die Vielfalt und die hohe Qualität des genrebefreiten Line-Ups waren einmal mehr bemerkenswert. Los ging es am Freitag um kurz nach 19 Uhr mit dem Gitarristen und Sänger Oscar Jerome. Im Quartett spielte der Londoner Songs aus seinem selbstbetitelten Debüt von 2016 sowie von seiner neuen EP „Where are Your Breanches?“. Vor allem der tiefe Groove von „2 Sides“  blieb hängen und stimmte perfekt auf den Abend ein.

Ein Labeljubiläum

Das in Manchester angesiedelte Label „Gondawa Records“ nutze den Freitagabend, um sein zehnjähriges Bestehen zu feiern. Label-Chef und Trompeter Matthews Halsall, der als Entdecker von GoGo Penguin, Portico Quartet oder Mammal Hands gilt und bereits in der Vergangenheit auf dem Überjazz spielte, überzeugte mit seinem Godwanda Orchestra im großen Saal K6. Die belgischen STUFF, eine der jüngsten Neuverpflichtungen des Labels, brachten fast zeitgleich die Gäste im kleineren K2 zum Tanzen. Stark auch der Auftritt der Sängerin Yazmin Lacey, die – in Tigermantel gekleidet und mit riesigen goldenen Ohrringen geschmückt – mit ihrem jazzigen Neo Soul gleich reihenweise neue Anhänger gewann. Ihre tiefe Stimme kam in der spärlichen Begleitung mit Piano und Gitarre besonders gut zur Geltung. Vor allem „Burn & Rise“ war ein echter Crowdpleaser.

Neneh Cherry belibt hinter den Erwartungen zurück

Sein Publikum in Verzückung setzte auch der japanische Saxofonist Yasuaki Shimizu, dessen80er Ambient-New-Wave-Dubjazz-Klassiker „Kakashi“ kürzlich wiederveröffentlicht wurde und in der Live-Darbietung seine Zeitlosigkeit bewies. Weniger einig war sich das Publikum in der Bewertung des mit Spannung erwarteten Headliner-Gigs von Neneh Cherry. Die Sängerin, die mit ihrem von Kieran Hebden (Four Tet) produzierten „Broken Politics“ erst kürzlich ein starkes Album vorlegte, brachte zwar vor allem die starken Songs des neuen Albums und eine intakte Band mit, die geschickt zeitgemäße Electronica mit akustischen Instrumenten zu verbinden vermochte, blieb aber als Sängerin hinter den Erwartungen zurück. Auch der Gig von House-Producer und DJ Leon Vynehall, der vor allem sein Ninja Tune Album „Nothing Is Still“ auf die Bühne brachte, spaltete die Meinungen.

Die Gewinner des ersten Festivaltages

Zu den klaren Gewinnern des ersten Abends gehörten eindeutig BCUC aus Soweto. In ihrem brachialen Set vermengte das Kollektiv Elemente aus Disco, Punk, Funk, Hip-Hop mit der Musik ihrer Vorfahren. Heraus kommt Musik wie eine Urgewalt. Ihrer Ankündigung, dem Publikum eine „good time“ zu schenken, sind sie so mehr als gerecht geworden. Ebenfalls zu den Highlights zählte der Auftritt von Poppy Adjudha. Die zierliche Londonerin mit einer Stimme zwischen Lauryn Hill, Erykah Badu und Billie Holiday war bereits im letzten Jahr zu Gast, spielte da aber nur ein akustisches Trio-Set. In diesem Jahr kamen ihre Songs, in denen sie Blues mit Soul und Breakbeats vereint, deutlich wuchtiger zur Geltung und hinterließen einen starken Eindruck. Next-Level-Soul, urban, gefährlich, bedeutsam. Auch Sons Of Komet wurden den in ihnen gesetzten Erwartungen gerecht und lieferten eine energiegeladene Show ab. Was das Quartett mit Saxofon, Tuba und zwei Schlagzeugen vertonen, ist Musik für den Aufstand. Shabaka Hutchings spielt mit Sound und Vehemenz eines Albert Aylor, dass es einem ins Mark dringt.

Der zweite Überjazz-Tag

Auch der zweite Tag hielt viele Glanzpunkte bereit. Gleich zu Beginn bezauberte Jimetta James mit ihrer warmen Stimme und der stilvollen Begleitung durch Lokalmatador Carsten Meyer. Die britisch-bahrainischeTrompeterin Yazz Ahmedkombinierte mit ihrer Band Ambient-Klänge und rhythmische Virtuosität. In Halle KMH zeigt währenddessen Madison McFerrin,Tochter des großen Bobby, dass man allein mit seiner Stimme und einer Loop-Station wundervolle Songs komponieren kann. Der Funke springt schnell über: Beim wundervollen „Shine“ steigt auch das Publikum gesanglich mit ein. Leichtes Spiel hat auch Joey Dosikmit seinem samtigen, am Gospel geschulten Soul-Pop. „Game Winner“, der Titeltrack seiner letzten EP, bringt viel Wärme und Wehmut in die Kampnagel-Halle.

Pharao Sanders überstrahlt alles

Nichts aber überstrahlt an diesem Abend den Auftritt von Pharoah Sanders. Der 78-Jährige –Schüler und Komplize von John Coltrane, Schöpfer und wichtigster Vertreter des sogenannten Spiritual Jazz, lebende Legende – ist schlecht zu Fuß. Sein Gang vom Bühnenrand zur Bühnenmitte dauert quälend lange. Zwischen seinen Einsätzen setzt er sich oft minutenlang auf einen auf der Bühne platzierten Holzstuhl. Doch sein Spiel kann noch immer Berge versetzen. Von den ersten Tönen an ist Magie im Raum. Begleitet von Pianist William Henderson, Schlagzeuger Gene Calderazzo und Kontrabassist Oli Hayhurst führt Sanders seine Hörer in Sphären, zu denen nur wenige den Zutritt haben. Kampnagel lauscht dieser Band mal andächtig, dann euphorisiert. Ein beseeltes, tief bewegendes Konzert endet mit dem lebensbejahenden Evergreen „Ore-ReSere“. Und mit der Erkenntnis, dass Musik noch immer mehr sein kann als Unterhaltung. Danke Pharoah, danke Überjazz. Wir sehen uns 2019 wieder.

(Beitragsbild: Überjazz 2018, Logo)

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