Nino Haratischwili: Die Katze und der General – Roman

Nino Haratischwili: Die Katze und der General – Roman

Ein überbordender und pathetischer neuer Roman von Nino Haratischwili

Knapp 1300 Seiten wie noch bei ihrem letzten, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ im Jahre 2014 sind es diesmal nicht geworden. Und doch liebt Nino Haratischwili nach wie vor das Epische, die ausufernde Erzählweise, und bietet in ihrem neuen Werk „Die Katze und der General“ mit fast 800 Seiten immer noch reichlich Lesestoff. Dass die 1983 in Georgien geborene und mittlerweile in Hamburg lebende Nino Haratischwili als Theaterautorin arbeitet, merkt man dem neuen Roman jederzeit an. „Die Katze und der General“ enthält einen überbordenden Tragödienstoff um Schuld, Sühne, Reue und Moral, von Haratischwili kompositorisch in einem perfekten Spannungsbogen und sprachlich mit viel Pathos in Szene gesetzt.

„Der General“ Alexander Orlow

Nino Haratischwili Die Katze und der General Cover FVAEin grauenvolles Erlebnis im Tschetschenienkrieg macht aus dem feingeistigen Alexander Orlow, liebevoll Malisch genannt, Sprößling eines verstorbenen, hochdekorierten sowjetischen Armeeangehörigen, der im Afghanistankrieg zum nationalen Held avancierte, der sich immer gegen eine ähnliche, von seiner Mutter forcierte Militärkarriere wehrte, sich stattdessen lieber in Bücher vertiefte und nur aufgrund eines Beziehungsmissverständnisses im Soldatenleben landet, einen anderen Menschen. Das Verhör an Nura, der Tochter eines angeblichen Separatisten, eskaliert, Malisch ist beteiligt an der Vergewaltigung und dem Tod der noch im Teenageralter befindlichen jungen Frau und möchte anschließend sich selbst und die drei anderen Verantwortlichen anzeigen und zur Rechenschaft ziehen, scheitert indes am russischen Rechtssystem, lässt sich sein Schweigen letztendlich teuer bezahlen und wird fortan als „Der General“ zu einem reichen, mächtigen und skrupellosen Oligarchen in Russland.

Die „Katze“ aus Georgien

Nachdem der deutsche Journalist Onno Bender, der unbedingt ein Buch über den „General“ schreiben möchte, dessen Tochter Ada auf die Spur des väterlichen Geheimnisses bringt und diese sich das Leben nimmt, steht das Privatleben von Orlow endgültig vor einem großen Scherbenhaufen. Auf einem Werbeplakat in Berlin, wo Orlow mit seiner zweiten Frau seit einigen Jahren wohnt, entdeckt er das Gesicht einer aus Georgien stammenden Nachwuchsschauspielerin, von allen nur „Katze“ genannt, die der geschändeten Nura verblüffend ähnlich sieht. Orlow engagiert sie für ein Video, mit dem er zwanzig Jahre nach dem Kriegsverbrechen die Täter wieder zusammenführen und das Recht in die eigene Hand nehmen will.

Nino Haratischwili öffnet in ihrem Roman Die Katze und der General zwar diverse Handlungsstränge, sie nimmt sich allerdings auch genügend Zeit für die Charakterzeichnungen sämtlicher Figuren, manche von ihnen bleiben stereotypisch und plakativ, andere entfalten sich indes in ihrem Wandel. Haratischwilis beschwingter, süffisanter Schreibstil lädt zu einem Lesevergnügen im Galoppverfahren ein. Man lässt sich nur zu gern auf die Anziehungskraft dieser rasenden Sätze ein, die sie dramaturgisch wertvoll einsetzt und die in ein thrillerhaftes Ende münden.

Nino Haratischwili auf der Shortlist Deutscher Buchpreis 2018

Neben ihres Blickes auf den Zerfall des Sowjetreiches in den 90er-Jahren, stellt Nino Haratischwili essentielle menschliche Fragen nach der Freiheit, der freien Entscheidung, dem richtigen Leben im falschen und der Moral in der brutalen Realität. Passagenweise schlittert sie gefährlich nah am verzeihbaren Soap-Kitsch, denn große Gefühle, große Gesten und menschliche Tragödien sind die Antriebsfeder des Lebens. Genauso wie in „Die Katze und der General“.  Mit ihrem Debütoman „Juja“ stand Nino Haratischwili im Jahre 2010 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis, mit „Die Katze und der General“ hat sie es auf die Shortlist geschafft. Dem Traum dieses Preises rückt für sie ein Stück näher.

Nino Haratischwili: „Die Katze und der General“, Frankfurter Verlagsanstalt, Hardcover, 766 Seiten, 978-3-627-00254-1, 30 €.

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