Kai Wieland: Amerika – Roman

Kai Wieland: Amerika – Roman

Ein preisverdächtiger Debütroman von Kai Wieland

Der in der baden-württembergischen Kleinstadt Backnang aufgewachsene Kai Wieland stand mit seinem Romanmanuskript Amerika auf der Shortlist der Premieren-Ausgabe des Blogbuster-Preises, bei dem sich sein Schriftsteller-Kollege Torsten Seiffert mit dem an dieser Stelle bereits besprochenen Roman Wer ist B. Traven? durchsetzen konnte. Verdientermaßen hat der 1989 geborene Wieland im Klett-Cotta-Verlag eine Heimat für sein Manuskript gefunden, handelt es sich bei dem Buch Amerika doch um einen ganz heißen Kandidaten für die Auszeichnung „Debütroman des Jahres“.

Kai Wieland erfindet das Dorf Rillingsbach

Kai Wieland Amerika Cover Verlag Klett-CottaIn Amerika schickt Kai Wieland einen Chronisten in das fiktive, „fernab der Zivilisation“ liegende, schwäbische Dorf Rillingsbach. „Zwei Straßen und zwanzig Häuser, einige davon leerstehend, machen Rillingsbach zu einem guten Ort für einen Briefträger.“ Ein Buch möchte der Chronist schreiben, ein Buch über einen Ort, der bessere Zeiten erlebt hat. Einst verbrachten die Menschen ihren Urlaub in der Region, Rillingsbach verfügte über das florierende Drei-Sterne-Hotel „Schippen“, dessen ruhmreiche Zeit in der 30er-Jahren lag. Nach dem Krieg folgte der sukzessive Abstieg hin zur Dorfkneipe, die sich ein „uriges Ambiente“ sowie einen „rustikalen Charme“ erhalten hat. Im Schippen trifft der Chronist auf vier ältere Bewohner Rillingsbachs, die ihm Geschichten aus der Vergangenheit erzählen, Geschichten, die aus Erinnerungen, Gerüchten und Dorfklatsch bestehen.

Erzählt werden sie von Kneipenbesitzerin Martha, deren Großvater das Schippen in den 20ern errichtete. Von Alfred, der im Obergeschoss des Schippens wohnt, zu Marthas „treuen Stammgästen“ zählt und sich als Frührentner den Traum einer Amerikareise erfüllte. Von Frieder, dessen Vater als Oberscharführer eine zweifelhafte Dorfkarriere machte, sowie von der freiheitsliebenden Hilde, die die Aufbruchsstimmung der 60er- und 70e-Jahre nutzte, um ein wildes Leben jenseits von Rillingsbach zu führen. Sie erzählen Geschichten von der Heimat und Geschichten von der Fremde. Geschichten von erfüllten und unerfüllten Träumen und Sehnsüchten, die bis zum 2. Weltkrieg und  einem nie wirklich geklärten Todesfall zurückreichen.

Ein behutsamer und ironischer Stil

Kai Wieland ist kein postmoderner und experimenteller Autor, sondern ein Schriftsteller, der eine gute Story zu erzählen vermag. Einige Perspektiv- und Zeitwechsel sind schon das Äußerste, was er den Lesern zumutet. Mit seinem behutsamen und klassischen Schreibstil trifft er indes den richtigen Ton, mit sanfter Ironie nimmt er der häufigen Schwere des Sujets von Schuld und Sühne und wie die Vergangenheit die Gegenwart prägt die Last, und verführt einen bereits auf der ersten Seite zu einem Lächeln. Amerika von Kai Wieland ist ein kluger, ein weiser Roman. Die Lektüre dieses Romans bereitet eine wahnsinnige Freude, denn es ist ein großes Vergnügen, einen jungen Autor mit der Abgeklärtheit und dem ästhetischen Empfinden eines alten Hasen schreiben zu sehen. Um die Zukunft der deutschsprachigen Literatur muss niemand fürchten, solange es Schriftsteller wie Kai Wieland gibt. Ein preisverdächtiger und preiswürdiger Debütroman.

Kai Wieland: „Amerika“, Klett-Cotta, Hardcover, 240 Seiten, 978-3-608-96261-1, 20 € (Beitragsbild: Buchcover).   

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