Reeperbahn Festival 2018: Frauendominanz am Abschlusstag

Reeperbahn Festival 2018: Frauendominanz am Abschlusstag

Auf den Spuren der Beatles und andere Entdeckungen beim Reeperbahn Festival

Der letzte Tag der 13. Ausgabe des Reeperbahn Festivals begann für Sounds & mit einem langen Spaziergang. Unter der Führung von Musikerin und Beatles-Fan Stefanie Hempel begab sich eine Gruppe von gut 60 Menschen vom Info-Desk des Spielbudenplatzes aus auf eine zweistündige, informative und unterhaltsame Tour durch St. Pauli, an wichtige Orte aus der Frühphase der Beatles-Karriere. Bekanntermaßen wäre ohne Hamburg und die Auftritte in den Reeperbahn-Clubs Indra (steht immer noch), Kaiserkeller (feiert nächstes Jahr sein 60-jähriges Bestehen), Top Ten (seit zehn Jahren als Moondoo bekannt) und Star Club (nur eine Gedenktafel erinnert an die vielen bekannten Künstler, die im legendären Club auftraten, ein Brand zerstörte das Gebäude völlig).

Der Beatles-Fan Stefanie Hempel

Eloquent erzählte die in der DDR aufgewachsene und im Alter von neun Jahren durch eine geschenkt bekommen Kassette über „She Loves You“ zum Beatles-Fan gewordene Stefanie Hempel von der Zeit mit Pete Best, Stu Sutcliff, Astrid Kirchherr, Jürgen Vollmer und Klaus Voormann (berühmt für sein Artwork des Beatles-Albums „Revolver“) und streute, sich selbst auf der Ukulele begleitend, ein paar frühe Songs aus dem damaligen Beatles-Repertoire zum Mitsingen ein. Am Ende der Beatles-Führung stand dann in der Klaus Voormann-Ausstellung auf dem Festival Village-Gelände sogar noch ein kleines Abschlusskonzert mit weiteren Beatles-Songs auf dem Programm. Eine empfehlenswerte Beatles-Tour, die Stefanie Hempel vor 14 Jahren selbst erfand, jeden Samstag von April bis November durchführt und in die sich vor ein paar Jahren der große Bob Dylan einschmuggelte. Aber mehr erfahren Sie von Stefanie Hempel vor Ort. Weitere Informationen sind auf ihrer Homepage zu finden.

Die Entdeckung des Samstags: Ferris & Sylvester

Natürlich sind auch für das Reeperbahn Festival einige bekannte Namen und Überraschungsgäste wie Jess Glynne und Muse sowie die Elbphilharmonie als Location wichtig, aber für einen Musikjournalisten ist das Aufspüren noch unbekannter Künstler wesentlich interessanter. Die Begegnung mit dem Londoner Duo Ferris & Sylvester, die für eine halbe Stunde im Imperial Theater auftraten, war so eine Entdeckung. Die Show, die Issy Ferris und Archie Sylvester mit E- und akustischer Gitarre, Bass (meistens wie eine Gitarre gespielt) und Bassdrum ablieferten, hätte Jack White und Marcus Mumford vor Neid erblassen lassen, wären sie nur Zeugen dieses Gigs geworden. Auf ihrer dieses Jahr veröffentlichten EP Made in Streatham klingen Ferris & Sylvester noch wesentlich folk-soul- und poplastiger, beim Konzert auf dem Reeperbahn Festival warfen die beiden alles in eine Waagschale und boten leidenschaftlichen Roots-, Blues und Pop-Rock von Feinsten, der das Publikum im vollbesetzten Imperial Theater zur Begeisterungsstürmen hinriss. Selbst das Duo war vom eigenen Spiel und der Atmosphäre so hingerissen, dass Issy Ferris hernach von dem wohl besten Konzert ihrer so jungen Laufbahn sprach. Hamburg war ja schon immer ein gutes Sprungbrett für große Karrieren.

Jessica Einaudi beim Reeperbahn Festival

Eine One-Woman-Show war dann im Angie’s Nightclub zu bestaunen. Wobei das Wort „Show“ im Zusammenhang mit dem Auftritt von Jessica Einaudi dann doch etwas übertrieben scheint. Ihr zauberhafter, verwunschener, manchmal nordisch unterkühlter, sehr sanfter Indie-Electro-Folk-Dream-Pop war nichts für ein großes Spektakel, sondern lud vielmehr zum konzentrierten Zuhören ein. Sehr schön, die Songs ihres just am Freitag veröffentlichten Albums Black And Gold, das von Sounds & Books mit einem Song des Tages angekündigt worden ist, aber viel zu leise, um die wahnsinnig störende Gesprächskulisse aus dem Hintergrund zu übertönen. Immer noch ist es ein respektloses Besucherverhalten, Konzerte als willkommenen Anlass für private Treffen zu nutzen und zu missbrauchen. Ist es wirklich so schwierig, eine halbe Stunde lang zu schweigen? Sehr schade, aber die vorderen Reihen lauschten einer feinsinnigen, von Jessica Einaudis trauriger Stimme getragenen Musik.

Liza Anne im Hamburger Schulmuseum

Die amerikanische Songwriterin Liza Anne freute sich indes ob der Stille im Hamburger Schulmuseum, wo sie während ihres Auftritts gar die Abdrücke ihrer neuen Schuhe hören konnte und diese als eine Art neues Percussion-Instrument anpries. Ihre spartanischen, solo mit der E-Gitarre aufgeführten Songs waren textlich keine leichte Kost, spielen Depressionen eine wichtige Rolle im Leben der Mittzwanzigerin, die sie in ihrer Musik verarbeitet. Ein sehr intensives Konzert, für das aufgrund des sich überschneidenden Zeitplans leider nur ein Kurzbesuch vorgesehen war. Der Name Liza Anne wird jedoch abgespeichert.

Ainslie Wills im Imperial Theater

Zurück im Imperial Theater, ließ ich das Reeperbahn Festival mit Ainslie Wills ausklingen. Der Indie-Pop-Rock der australischen Songwriterin, der mit einem Solo-Stück an der Gitarre begann, bevor zwei Musiker sie an Gitarre und Schlagzeug begleiteten und Wills verstärkt am Keyboard agierte, entpuppte sich als alles andere als 08/15-Ware. Strophe, Refrain, Strophe sind ihr eher fremd, vielmehr klang ihre Musik wie eine Mischung aus Patti Smith, Sue The Night und einer vertrackten Laura Marling und trug teilweise psychedelische Prog-Rock-Elemente in sich. Noch eine interessante Entdeckung auf dem Reeperbahn Festival. Auf ein Neues im Jahre 2019.

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