TV Smith: Land Of The Overdose – Albumreview

TV Smith: Land Of The Overdose – Albumreview

TV Smith klingt auch nach über 40 Jahren noch frisch und wütend

Auch nach über 40 Jahren entwickelt sich der 62 jährige Tim Smith musikalisch und textlich weiter und geht mal wieder einen neuen Weg, um seiner Kreativität Ausdruck zu verleihen. Land of the Overdose ist vollständig in seinem kleinen Studio ohne weitere Unterstützung anderer Musiker oder Produzenten entstanden. Der englische Musiker klingt auch nach so langer Zeit immer noch frisch und seine Texte sind nach wie vor komplex und wütend, wie am ersten Tag seiner Karriere.

TV Smith, die Speerspitze des Punk in den 70ern

Um diesem Künstler vorzustellen muss man sehr weit ausholen. Seine Karriere hat mittlerweile 40 Jahre auf dem Buckel, er selbst hat die 60 längst überschritten. Wenn Campino von den Toten Hosen singt, er sei noch keine 60 und auch nicht nah dran und dabei verschmitzt lacht, kann TV Smith nur weise und wohlwollend lächeln. Zu viele Songs hat er geschrieben und unfassbar viele Konzerte in seiner langen Laufbahn gespielt. Dabei hat er alle Höhen und Tiefen durchgemacht, die man als Künstler so erleben kann. Mit The Adverts feierte er erste große Erfolge und zählte zur Speerspitze des britischen Punkrock.

Nach der Trennung 1979 folgten viele Jahre der Flaute. TV Smith & The Explorers trennten sich nach gerade mal zwei Jahren wieder und als Solokünstler musste er tatenlos zusehen, wie sein Album Channel 5 Schiffbruch erlitt. Durch die Insolvenz des Schallplattenunternehmens Explusion konnten nur 2000 Exemplare ausgeliefert werden. In den folgenden Jahren arbeitete er zwar unermüdlich weiter, doch der Erfolg wollte sich einfach nicht einstellen. Erst in den 90er Jahren sollte es wieder bergauf gehen. Er tingelte gemeinsam mit Musikern aus aller Welt durch Clubs und spielte unermüdlich weiter.

TV Smith Land Of The Overdose Cover JKPVon seinen Kollegen wird für seine Ausdauer, Bühnenpräsenz und seine vielschichtigen Texte respektiert und bewundert. Die Toten Hosen nahmen 1991 Kontakt zu ihm auf, um mit ihm seinen Song „Gary Gillmore’s Eyes“ auf ihrem Album Learning English aufzunehmen. Kein geringerer als Henry Rollins, der sich als langjähriger TV Smith-Fan outete, sorgte mit seinem Label 2-13-61 für die US-Amerikanische Veröffentlichung des 1994 erschienen Albums „Immortal Rich“. 2001 nahmen Die Toten Hosen mit ihm das viel beachtete Best of Album „Useless … The Very Best Of TV Smith“ auf. Heute zählt TV Smith zu den wichtigsten politischen Songwritern in der Musikszene. Er beschreibt und reflektiert die Welt um ihn herum. Politische und gesellschaftliche Spannungen und Veränderungen sind immer wieder in seinen Texten zu finden. So ist auch sein neuestes Album „Land of the Overdose“ wieder ein sehr politisches Album geworden.

Getrieben von Brexit, Kriegen und Facebook

Die Welt in der wir leben steht Kopf. Viele politische Veränderungen stehen an. Großbritannien wird die EU verlassen. Kriege, Nazis und Hatespeech in Sozialen Netzwerken. Wir leben im Überfluss, während andere im Mittelmeer ertrinken. Es gibt derzeit viele Dinge, über die TV Smith schreiben kann und muss. Die Spaltung der Gesellschaft schreitet fort, so auch seine Wut und Verzweiflung, der er in seinen Texten freien Lauf lässt. Dabei nutzt er seine Musik als Transportmittel. Im Herzen ist er immer noch der rebellische Punk, lyrisch und musikalisch dagegen ist er aus dieser Szene allerdings schon lange herausgewachsen. Seine Texte sind vielschichtig, nachdenklich und wütend, während seine musikalischen Ergüsse mittlerweile deutlich von Folk- und Popeinflüssen geprägt sind. TV Smith ist mehr als ein Punkrocker. Vielmehr kann man ihn als Künstler verstehen, der sich aus einer Szene heraus entwickelt hat und unermüdlich für mehr Toleranz und Gerechtigkeit singt.

In „No Control“ beschäftigt er sich mit der Machtlosigkeit, der sich viele verzweifelte Wähler ausgesetzt fühlen. Die Machtlosigkeit, der er sich selbst häufig ausgesetzt fühlt. Er beschreibt wie sehr eine Regierung die Zahlen und Meinungen verdrehen kann und die Wähler einfach nur der Illusion erliegen, sie könnten irgendetwas bewegen. Was als Ballade startet, nimmt schnell Fahrt auf. Gleich beim ersten Refrain lässt er Schlagzeug, Bass und Orgeln erklingen und gibt ordentlich Gas. Er reißt den Hörer mit und gibt ihm die Möglichkeit mitzusingen. In den Strophen fährt er Tempo und Instrumentendichte gekonnt runter und lässt im Arrangement schön viel Platz für den Text.

„We Stand Alone“ thematisiert, wie unsere Digitale Welt unser Leben bestimmt. Wir sind überall vernetzt und doch stehen wir am Ende alleine da. Kontrolliert, durchleuchtet und einsam. Er lässt den Hörer auf Streichern und Pianosound geradezu durch die schöne Welt des Internets gleiten. Den Text lässt er im krassen Gegensatz zur Musik wirken. Thematisch und musikalisch bleibt er auch bei den zehn weiteren Songs auf ähnlicher Linie. Eine der im Vorfeld veröffentlichten Singles, „No Hope Street“, beschreibt, wie es sich anfühlen muss, wenn man vor einem Bombenhagel fliehen muss. Mit „Green Zone“ liefert er einen sehr starken Song über die permanente Kontrolle, der wir im Internet ausgesetzt sind ab. Sowohl rhythmisch als auch phonetisch sticht dieses Lied noch einmal deutlich aus den anderen Titeln heraus.

Das gesamte Album klingt sehr homogen. Alle Instrumente, die zu hören sind, hat TV Smith entweder selbst eingespielt oder programmiert und arrangiert. Ein großes und teures Studio kam nicht zum Einsatz. Aufgenommen hat er die Songs in einem kleinen Landhaus in Devon. Überladen klingt das Album an keiner Stelle. Man kann die gesamte Erfahrung von 40 Jahren Musik hören. Auch die Tatsache, dass es sich nicht um eine Hochglanz-Produktion handelt ist erfrischend, authentisch und begeisternd. Eine typische Toten Hosen-Produktion z. B. wäre fehl am Platz. Auch die Handschrift von Jon Caffery, der schon seit Jahren für den Sound des Songwriters verantwortlich ist, ist unverkennbar. Mit viel Fingerspitzengefühl für die Songs hat er die Platte abgemischt. So sticht Land of the Overdose deutlich aus dem Musikkatalog der JKP und aus der Singer-Songwriter Szene heraus.

„Land Of The Overdose“ von TV Smith ist am 14.09.2018 bei JKP erschienen (Beitragsbild by Kevin Winiker).

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