Alligatoah: Schlaftabletten, Rotwein V – Albumreview

Alligatoah: Schlaftabletten, Rotwein V – Albumreview

Das Chaos als Konzept bei Alligatoah

Viel hat sich bei Alligatoah verändert seit dem letzten Schlaftabletten-Rotwein-Mixtape. Nachdem der Rapper in den ersten Jahren seiner Karriere vier dieser Songsammlungen veröffentlicht hatte, konzentrierte er sich in den letzten sieben Jahren auf andere Dinge. Dabei wurde er vom Untergrund-Rapper zum Mainstream-Act. Sowohl mit Trailerpark als auch alleine stand er bereits an der Spitze der Charts, spielt auf den größten Bühnen Deutschlands und hat mittlerweile einige Gold- und Platin-Schallplatten an den Wänden hängen.

Ganz der Alte

Alligatoah Schlaftabletten Rotwein V Cover TrailerparkNun geht es aber zurück zu den Anfängen. Alligatoah traut sich, tief im Mainstream angekommen, wieder eine Platte nach altem Muster zu veröffentlichen: verrückt, schnell von Thema zu Thema springend und textlich so unvergleichlich clever. Der rote Faden in „Schlaftabletten, Rotwein V“ ist das Chaos. Das ist schon nach dem ersten Song des Albums klar. „Rap braucht wieder einen Märchenerzähler“ rapt Alligatoah in „Alli-Alligatoah“ und zeigt damit die Richtung des Albums. Schnell springen wir vom wütenden Autofahrer über den verkaterten Privatdetektiv zum modernen Hippie.

Nonsens und Sozialkritik bei Alligatoah

Als Unterschied zu vorherigen Schlaftabletten-Rotwein-Releases scheint dieses Album allerdings gesellschaftskritischer. Klar gibt es immer noch Nonsens, aber mit Titeln über Werbung, sexuelle Freiheit, Sexismus, Tourismus, Fremdenhass und Flüchtlinge kommentiert Alligatoah viele aktuelle Themen musikalisch. Den lockeren Ton verliert er dabei nicht – unter anderem indem er sich über die eigene „Sozialkritik“ direkt wieder selbst lustig macht.

Blockflöte trifft „Bohemian Rhapsody“

Sowohl musikalisch als auch textlich merkt man „Schlaftabletten, Rotwein V“ an, dass sich Alligatoah über die letzten Jahre immer weiterentwickelt hat. Fast jeder Song bleibt im Ohr – zweifelsfrei ist er einer der besten Komponisten des Deutschrap. Umso beachtlicher, dass er trotzdem die Verrücktheit der Vorgänger so gut einfängt. Er hat auf diesem Album alle Freiheiten, die verrücktesten Wortspiele auszupacken und musikalisch weite Bögen zu schlagen. Für „Ein Problem mit Alkohol“ verknüpft Alligatoah einen harten Distortion-E-Gitarren-Teppich mit einer leicht schiefen Blockflöte – sein Abschluss-Song „Wie Zuhause“ wirkt durch die musikalische Vielschichtigkeit fast wie eine Art „Bohemian Rhapsody“ des Deutschrap.

Alligatoahs rundes Chaos

Im Grunde könnte man durch die Vielseitigkeit an dieser Stelle fast jeden Song ganz detailliert auseinandernehmen. Gerade nach mehreren Hördurchgängen fallen einem so viele Kleinigkeiten und Sprachbilder auf, dass kein einziger Song mehr wie Füllmaterial wirkt. In all dem Chaos ist „Schlaftabletten, Rotwein V“ am Ende doch total stimmig. Paradoxerweise ist es vielleicht sogar Alligatoahs rundestes Album.

„Schlaftabletten, Rotwein V“ von Alligatoah erscheint am 14.09.2018 bei Trailerpark (Beitragsbild: Credit: Norman Z Alli.

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