Kirsten Fuchs: Signalstörung – Storys

Kirsten Fuchs: Signalstörung – Storys

Amüsante und nachdenkliche Geschichten von Kirsten Fuchs

Die 1977 in Karl-Marx-Stadt geborene und in Berlin lebende Kirsten Fuchs ist auf den Lesebühnen der deutschen Hauptstadt ein gefeierter Star. Die Open Mike-Gewinnerin des Jahres 2003 hinterlässt aber auch als Schriftstellerin einen guten Eindruck und erhielt für ihren Roman „Mädchenmeute“ vor zwei Jahren den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ihr neues Buch „Signalstörung“ versammelt neunzehn facettenreiche Geschichten von tiefer Ernsthaftigkeit mit teilweise humoristischen Unterton. Der auf Pointen basierende Bühnenton weicht hier zumeist einem subtil-ironischen Witz, der die Bedeutsamkeit der Storys untermauert.

Kirsten Fuchs zwischen Humor und Melancholie

Kirsten Fuchs Signalstörung Cover Rowohlt BerlinDem Humor stellt Kirsten Fuchs eine häufig auftretende Melancholie und Traurigkeit entgegen, wenn beispielsweise Berlin im Schnee versinkt, Dirk am Flughafenterminal vergeblich auf seine Verflossene wartet und die Avancen der bedienenden Kellnerin nicht bemerkt („Casablanca“). Hier erzählt Fuchs in einem berührenden, sehr poetischen Stil, der die Empathie, die sie ihren Figuren entgegenbringt und die sich wie ein roter Faden durch die Geschichten zieht, perfekt zum Ausdruck bringt. Ihre Storys changieren zwischen Fiktion und autobiographisch gefärbter Prosa und überzeugen durch feine Alltagsbeobachtungen. Da sind zum Beispiel die Erinnerungen an die DDR- und Wendezeiten in „Brückentag“, „Der Nachtschrank“ und „Besuch aus Moskau“. Erinnerungen einer damals Zwölfjährigen, die zwangsläufig ein anderes Verhältnis zu ihrem Geburtsstaat hatte, als die älteren Personen in ihrem Umfeld.

Alle haben mir auf einmal gesagt, dass die DDR nicht toll war. Dass ich meine Liebe beenden soll. Das haben die Erwachsenen zu mir gesagt, die vorher sagten, dass die DDR toll ist. Das tollste kleine Land auf der Welt. Und diesen Erwachsenen fiel es ganz leicht, ihre Liebe einzustellen. Vielleicht war es bei denen gar keine Liebe gewesen.“

Die Zeit der Wendehälse, von einem jungen Mädchen durchschaut. „Dann kam die Wende, und das Irrenhaus wurde vergrößert“, heißt es in der dreiseitigen Kurzgeschichte „Brückentag“. Auch eine Interpretation der Vereinigung, wo andere blühende Landschaften sahen. Andere, von Kirsten Fuchs gewählte Metaphern lassen ebenfalls nicht auf ein Liebe-auf-den-ersten-Blick-Verhältnis mit dem neuen Staatengebilde schließen. Immer wieder konfrontiert uns Fuchs mit den Absurditäten des Lebens, die kafkaeske Züge tragen, wie die Konstellation um die Hartzvierwitze in „Keinjobcenter“. In „Onkel“ hingegen fährt sie mit einem humoristischen Dialogfeuerwerk der heutigen Jugendsprache auf.

Knapper Still, starke Storys

Wenn sie jedoch von der Liebe auf den Färöer („Wal und Fußei“), von einem jungen Mann, der sich um seinen dahinsiechenden Vater kümmert („Erbe“), oder von zwei Frauen, die in Zeiten der Flüchtlingskrise den Einsatz von Sonderzügen zu koordinieren versuchen („Signalstörung“), erzählt, dann mit der nötigen Ernsthaftigkeit. Und manchmal treffen einen die Geschichten mit einer brutalen Heftigkeit mitten in die Magengegend. Kirsten Fuchs bedient sich dabei eines knappen, sehr schnellen Stils. Sie schweift nie ab und erfindet en passant Wortneuschöpfungen. Es macht einfach Spaß, die Storys in Signalstörung zu lesen. Die amüsanten, wie die nachdenklichen.

Kirsten Fuchs: „Signalstörung“, Storys, Rowohlt Berlin, Hardcover, 224 Seiten, 978-3-7371-0044-1, 18 € (Beitragsbild: Kirsten Fuchs by Paul Bokowski).

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