Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin – Roman

Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin – Roman

Julia von Lucadou und ihre dystopische Kritik am Zeitgeist

In einer fiktiven Stadt in der Zukunft ist das gefährliche Hochhausspringen die Trendsportart Nummer 1. Unumstrittener Star der Szene ist Riva, die mit ihrem jungen, makellosen Körper die Massen mit ihren atemberaubenden, präzisen, künstlerisch wertvoll gestalteten, eintausend Höhenmeter überwindenden Sprüngen begeistert und durch den Flugmodus ihres Flysuits in letzter Sekunde vor dem Aufprall bewahrt und in wieder in die Lüfte emporgetragen wird. Plötzlich hat Riva jedoch keine Lust mehr auf ihren Job, verweigert das Springen, gibt sich wortkarg und verlässt ihre Wohnung nicht mehr.

Womit sie in der scheinbar perfekten, durchgestylten, von Followern und Kommentaren in sozialen Netzen geprägten Welt eine Art Selbstmord begeht. Nicht nur die Fans, auch die Sponsoren wollen eine funktionsfähige Riva sehen, sonst droht der Absturz in die Peripherien, in die gefährlichen Slums am Rande der großen Stadt, wo sie aufgewachsen ist und durch ein Casting den Sprung in die schöne neue Welt geschafft hat. Um sie wieder auf die Spur zu bringen, wird die Wirtschaftspsychologin Hitomi, die einst selbst von einer Karriere als Hochhausspringerin träumte, auf sie abgestellt, die das Leben Rivas, ohne deren Wissen, totalüberwacht und mit verschiedensten Mitteln zu beeinflussen versucht. Bei Versagen droht auch ihr ein Leben in den Peripherien.

Der Gegenwartsbezug von Julia von Lucadou

Julia von Lucadou Die Hochhausspringerin Cover Hanser BerlinIn ihrem Debütroman Die Hochhausspringerin entwirft die 1982 in Heidelberg geborene Julia von Lucadou ein düsteres Zukunftsszenario mit ausgeprägten Gegenwartsbezug. Weder die von von Lucadou beschriebene, völlig sterile, von empathielosen Menschen bewohnte Großstadt noch die verwahrlosten Außenbezirke sind erstrebenswerte Wohnorte. Natürlich treibt die Autorin in ihrem Roman die bestehenden Gentrifizierungsprobleme der Ballungszentren auf die Spitze. Sponsoren wie ein bekannter, milliardenschweren Brausehersteller, der wahnwitzige Luftsprünge aus der Stratosphäre finanziert und Extremsportarten fördert, die junge Todesopfer fordern, existieren bereits ebenfalls. Von Selbstinszenierungen in den Social Media-Kanälen ganz zu schweigen.

Eine gleichförmige, von Marketingmaßnahmen, Bewertungen und Optimierungen gekennzeichnete Welt verlangt nach Kicks, in denen es um Leben und Tod geht, genau wie bei Riva, die allen Drohungen zum Trotz in der Verweigerungshaltung bleibt, während Hitomi in dieser voll kontrollierten Welt immer mehr die Kontrolle über sich selbst verliert und ihre Jugendfreundin Andorra vermisst, die unangepasste Rebellin, die eines Tages aus dem gemeinsamen Heim verschwindet, in das Hitomi von ihren Bioeltern zwecks Perspektive und Ausbildung gesteckt worden ist und die den Kontakt hernach, wie dort üblich, abbrachen.

Julia von Lucadou und ihr nüchterner und unterkühlter Schreibstil

Die volldigitalisierte, protokollierte, geregelte, angepasste, überwachte Welt, in der der Schein das Sein beherrscht, in der schlicht die Menschlichkeit, die Emotionen und das Fehlbare fehlen, beschreibt Julia von Lucadou in einem nüchternen, unterkühlten, sehr knapp und sachlich gehaltenen Stil (mit gelegentlichen Ausflügen in die poetische Prosa), der ausreicht, um den Roman zu einer faszinierenden Lektüre werden zu lassen. Ein Roman, in dem noch nicht mal ein scheinbar nostalgischer Blogger mit einer großen Follower Schaft das ist, wofür er sich ausgibt. Wem soll man in solch einer Welt nur trauen? Sie sind nötiger denn je, die dystopischen Romane im Sinne George Orwells. Julia von Lucadou gelingt mit Die Hochhausspringerin eine ins Mark gehende Kritik am Zeitgeist der Selbstoptimierung und ungezwungenen, gegenseitigen Selbstkontrolle- und Überwachung.

Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin, Hanser Berlin, Hardcover, 288 Seiten, 978-3-446-26039-9, 19 € (Beitragsbild: Buchcover).

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