Lewis Grassic Gibbon: Lied vom Abendrot – Roman

Lewis Grassic Gibbon: Lied vom Abendrot – Roman

Das Lieblingsbuch der Schotten in einer fabelhaften Übersetzung von Esther Kinsky

Der 1932 erschienene Roman Lied vom Abendrot (im Original Sunset Song) von Lewis Grassic Gibbon ist der erste Band seiner Trilogie A Scots Quair und genießt in Schottland Kultstatus. In einer im Jahre 2016 vom britischen Nachrichtensender BBC durchgeführten Umfrage ist es  zum „Lieblingsbuch der Schotten“ gewählt worden und bereits 2005 wurde Sunset Song zum „beliebtesten schottischen Roman aller Zeiten“ gewählt. Guten Geschmack beweisen die Schotten hier auf jeden Fall und die Beliebtheit dieses Buches verwundert nicht, setzt Gibbon (mit bürgerlichen Namen James Leslie Mitchell, dessen ebenfalls im Guggolz Verlag erschienener Titel Szenen aus Schottland letztes Jahr bei Sounds & Books besprochen worden ist) der schottischen Landschaft und ihren Menschen mit diesem beeindruckenden Roman ein Denkmal.

Der Übersetzungstrick von Esther Kinsky

Gibbon bedient sich in seiner Sprachgestaltung häufig des „Doric Scots“, ein Oberbegriff der Dialekte, die in seiner Heimat Howe, einem Gebiet zwischen den Grampian Mountains und der Nordsee südlich von Aberdeen, gesprochen werden und in dem der Roman angesiedelt ist. Diesem spezifischen Idiom nähert sich Schriftstellerin Esther Kinsky, die für ihren aktuellen Roman Hain im März mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden ist, in ihrer Neuübersetzung (bisher existierte lediglich eine DDR-Ausgabe aus den 70ern) mit dem Plattdeutschen, das Ähnlichkeiten mit dem Scots aufweist und dessen Unmittelbarkeit bewahrt.

Die dramatische Geschichte der jungen Chris Guthrie

Lewis Grassic Gibbon Lied vom Abendrot Cover Guggolz VerlagIm Mittelpunkt von Gibbons Geschichte steht die junge Chris Guthrie, die sich in den Jahren um den 1.Weltkrieg herum als emanzipierte Persönlichkeit etabliert und das kleinbäuerliche Leben dem Wunsch einer Lehrerausbildung vorzieht, sich also gegen die Anglisierung und für das schottische Land, in diesem Fall das fiktive Dorf Kinraddie, entscheidet. Lewis Grassic Gibbon begleitet das pralle Leben Chris Guthries auf zutiefst empathische Art und entwickelt eine grenzenlose, schriftstellerische Liebe auch für alle anderen seiner Protagonisten. So fängt Gibbon die innere Zerrissenheit seiner jungen Heldin Chris Guthrie, die zu Beginn des Romans gerade einmal 16 Jahre jung ist, mit seiner einfühlsamen Sprache perfekt ein.

Dass Chris letztendlich das bäuerliche Leben auf dem Hof bevorzugt, ist kein Ausdruck verklärter Dorfromantik. Hierfür ist das Leben Chris Guthries zu dramatisch. Nachdem er jahrelang vom Vater schikaniert wurde, setzt sich Chris‘ älterer Bruder mit seiner Freundin nach Argentinien ab, während die Mutter sich und Chris‘ jüngere Geschwister umbringt, nachdem sie eine erneute Schwangerschaft bemerkt. Der 1. Weltkrieg und Veränderungen in der Landwirtschaft machen Chris Guthries Leben nicht einfacher, die nach dem Tod des Vaters den Hof zunächst alleine führt.

Lewis Grassic Gibbon als eine Art schottischer John Steinbeck

Seinen männlichen Charakteren fehlt oft das Einfühlungsvermögen gegenüber weiblicher Empfindungen, Lewis Grassic Gibbon hingegen besitzt die Gabe, sich dem Gefühlsleben Chris Guthries auf sinnlich-poetische Art zu nähern. Für die Beschreibung der rauen schottischen Natur findet er einen  ähnlich adäquaten Ton wie für die anderen Bewohner Kinraddies. Lied vom Abendrot ist ein unkonventioneller, ergreifender, humorvoller, dramatischer und politischer Roman, mit dem sich Lewis Grassic Gibbon als eine Art schottischer John Steinbeck  präsentiert. Ein starkes Stück Weltliteratur aus Schottland.

Lewis Grassic Gibbon: „Lied vom Abendrot“, Guggolz Verlag, aus dem schottischen Englisch von Esther Kinsky, Hardcover, 397 Seiten, 26 € (Beitragsbild: Buchcover).

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