Frank Turner Lost Evenings 2 im Londoner Roundhouse – Festival Review

Frank Turner Lost Evenings 2 im Londoner Roundhouse – Festival Review

Vier unterschiedliche Frank Turner-Shows im Londoner Roundhouse, zahlreiche Gäste inklusive

Vom 11.05.2018 bis 14.05.2018 veranstaltete Frank Turner mit seinem Team zum zweiten Mal das Lost Evenings Festival im Londoner Roundhouse. Mit dabei waren The Homeless Gospel Choir, The Arkells, Gabi Garbutt & The Illuminations, Holy Moly & the Crackers, Felix Hagen and the Family, Emily Barker, The Subways, The Pearl Harts, The Tuts, Stick in The Wheel, Sarah Walk, Ginger Wildheart, Joe McCorriston, Xylaroo, P. D. Liddle, Seán McGowan, get cape. wear cape. fly, The Lion and the Wolf, Rob Lynch, The RPMs und viele mehr.

Frank Turner zieht kein Festival wie jedes andere auf

Frank Turner wäre nicht er selbst, wenn er ein Festival wie jedes andere aufziehen würde. Die erste Besonderheit ist, dass er selbst an allen vier Abenden der Headliner ist. Das bedeutet auch, dass er an allen vier Abenden unterschiedliche Shows spielen muss. Er startete mit einem “Old and New”-Set, dann spielte er ein komplettes Album – in diesem Jahr war es das Jubiläum zu Love, Ire & Songs – am “Sensible Sunday” gab es eine Solo-Show und zu guter Letzt wurde das Festival mit einem furiosen Best-of-Set zu Ende gebracht. Hinzu kamen zahlreiche befreundete Künstler die als Support auf der Hauptbühne standen oder Nachwuchskünstler, die sich auf der kleinen Bühne – The Nick Alexander Stage – beweisen konnten. Besonders auf letzterer Bühne konnten die Festivalbesucher jede Menge kreative Bands entdecken, die noch an ihrem Durchbruch arbeiten.

Interessante Diskussionsrunden zum Kreativ-Business

Was das Lost Evenings Festival zusätzlich herausstechen lässt, ist das Drumherum. Am Samstag und Sonntag wurden im Roundhouse verschiedene Diskussionsrunden zum Kreativ-Business angeboten. Beispielsweise: “Wie bekomme ich einen Job im Musik-Business?”, “Wie kann ich Geld verdienen im Online-Kreativ-Markt.” oder “Wie geht man mit der psychischen Belastung als Künstler um?”. Letzteres stand durch den kurz vor dem Festival verstorbenen Scott Hutchinson in diesem Jahr leider besonders im Fokus der Aufmerksamkeit. Fans, die weniger am Business interessiert sind, kamen an den Nachmittagen vor den Haupt-Shows ebenfalls voll auf ihre Kosten. Denn auch außerhalb des Roundhouse werden enorm viele Dinge angeboten. Vom Pop-Up-Tattoo-Event bis zu Singer-Songwriter-Auftritten in einigen Pubs gab es enorm viel zu sehen. Die Masse an Angeboten war überwältigend.

Safe Gigs For Women

Besonders hervorzuheben ist die Zusammenarbeit mit der Initiative “Safe Gigs For Women”. Dahinter stecken Frauen und Männer, die häufig auf Konzerte gehen. Wie der Name es vermuten lässt, ist das Ziel eine sichere Umgebung für Frauen bei Konzerten zu gewährleisten. Denn Sexuelle Belästigung ist bei kleinen und großen Veranstaltungen leider immer noch an der Tagesordnung. Der Schlüssel zur Eindämmung dieses Problems ist Aufklärung. “Wie schaffe ich es mich und die Leute um mich herum zu schützen und was tue ich, wenn es zu Übergriffen seitens anderer Konzertgänger kommt.” Die Initiative arbeitet mit Konzertbesuchern, Bands und Veranstaltern zusammen. Diese Aufklärungsarbeit dürfte sich positiv auf alle Konzertgänger auswirken. Denn jeder ist willkommen. 

Camden wird von Frank Turner Fans übernommen

Die Fans des Sängers bedanken sich für die Mühe, die sich das Lost-Evenings-Team macht, mit der furiosen Übernahme des gesamten Stadtteils. Wo man hinsieht, laufen Fans mit Frank Turner T-Shirts herum. Über soziale Netzwerke haben sich in den letzten Jahren mehrere Gruppen gebildet, in denen sich Fans um Fans kümmern. Zum Beispiel die “Frank Turner Army” und “The Lost Legion” Man hilft sich gegenseitig Kontakt mit anderen aufzunehmen und Ängste abzubauen. Viele kennen sich schon seit Jahren, andere lernen sich gerade kennen. Man singt und feiert gemeinsam und sorgt sich darum, dass man eine gute Zeit hat. Überzählige Tickets werden entweder zum Original-Preis weitergegeben oder zum Teil auch einfach verschenkt. Vier Tage lang herrscht der Frank-Turner-Ausnahmezustand in Camden. Danach verteilen sich die Fans wieder in alle Himmelsrichtungen. In den verschiedenen Sozialen Netzwerken kann man doch lange das Echo dieses unglaublichen Events hören.

Frank Turner Lost Evenings 2 – Gäste-Highlights

Gabi Garbutt & The Illuminations, eine aufstrebende Indie-Pop-Band mit starkem Hang zu Sound-Experimenten. Neben der Sängerin Gabi Garbutt stehen noch fünf weitere Musiker auf der Bühne. Abgesehen von den üblichen Verdächtigen Gitarre, Bass und Schlagzeug gibt es noch Keyboards und Bläser. Das bringt interessante Melodien, Harmonien und Arrangements mit sich. Ein musikalischer Leckerbissen.

Holy Moly & the Crackers kombinieren Elemente aus Jazz, Funk, Folk und Punkrock. Das ist nicht nur ungewöhnlich, sondern geht auch in die Beine. Da steckt eine Menge Groove und Lebenslust in dem Sound dieser außergewöhnlichen Truppe. Die Sängerin und Violinistin Ruth Patterson hatte ihre musikalische Karriere bereits aufgrund ihrer chronischen Arthrose an den Nagel gehängt und sich durch die Arbeit mit ihrer Band wieder zurück ins Leben gekämpft. Diesen Mut und Enthusiasmus kann man in jedem Ton hören. Sie ist ein Musterbeispiel dafür, dass man trotz schwerer Behinderung aktiv am Leben teilnehmen kann und sollte. 

Felix Hagen and the Family bringen so viel Glamrock, Pop und Punk mit sich, dass sogar das Publikum glitzert. Die Fangemeinde der siebenköpfigen Band aus London ist bereits gewaltig und die Stimmung vor der kleinen Nick Alexander Memorial-Bühne glich einer riesigen Party. Um ein wenig mehr Platz zu schaffen und für Atemluft zu sorgen, mussten die Fensterfront zum Außenbereich komplett geöffnet werden. Diese Band ist Entertainment pur.

Das Duo The Pearl Harts wurde als Naturgewalt angekündigt. Und das sind die beiden jungen Frauen. Wer glaubt, Kirsty and Sara seinen zwei junge, hübsche, brave Mädchen unterschätzt sie gewaltig. Sie sind jung und gutaussehend aber alles andere als brav. Sobald sie ihre Instrumente auspacken, legen sie los, als gäbe es keinen Morgen mehr. Schlagzeug, Gitarre und zweistimmiger Gesang ergeben frechen, rotzigen Punkrock. Laut, schnell und ohne Rocksicht auf Verluste.

Mit The Tuts stehen drei äußerst talentierte, junge Frauen auf der Bühne. Beeindruckender Punkrock wird geboten, der auch bereits einige Größen im Musikzirkus begeistert hat. Kein geringer als Billy Bragg hat sie nach Glastonbury geholt und die großartige Pauline Black von The Selector nahm sie mit Handkuss auf UK-Tour. The Tuts sind eine enorm talentierte Band, mit der auch in den nächsten Jahren zu rechnen sein dürfte. 

The Homeless Gospel Choir besteht aus dem spleenigen Singer-Songwriter Derek Zanetti aus Pittsburgh und seinem Publikum. Mit scharfem Verstand, jeder Menge Sarkasmus und einer gehörigen Portion Selbstironie begeistert er seine Zuhörer. “This is another protestsong!” lautet die Ansage zu jedem Song. Sein Gitarrenspiel ist nicht sonderlich beeindruckend, seine Songwriter-Qualitäten hingegen schon. Textlich ist der verrückt wirkende Amerikaner ein absolutes Highlight seiner Zunft.

Eine Rockband wie The Subways als Support auf die Bühne zu holen ist recht mutig. Selbst ein Liveperformer wie Frank Turner muss aufpassen, dass er von solch einem Trio nicht weggefegt wird. Die Bassistin Charlotte Cooper ist ein kaum zu bändigendes Energiebündel. Schlagzeuger Josh Morgan und Sänger Billy Lunn stehen ihr in nichts nach. Die Show ist explosiv und kraftvoll. Das Tempo ist hoch, der dazugehörige Spaßfaktor ebenfalls. The Subways gehören auf jeden Fall ganz weit oben auf die Must-See-Liste jedes Fans von Rock-Konzerten.

Der XtraMile Recordings Neuzugang Seán McGowan ist auf jeden Fall einen Blick wert. Ein relativ klassischer Singer-Songwriter, der durch seinen recht harten Southampton Akzent auffällt. Sein Auftreten ist extrem emotional, ohne jedoch weinerlich zu wirken. Er versteht es jeden im Saal zu fesseln und zu begeistern. Mit seinen gerade mal 24 Jahren hat er noch einen langen Weg vor sich und wird noch sehr viel lernen. Der Anfang ist gemacht und man darf auf jeden Fall gespannt sein, wie sich der Jungspund der XtraMile-Familie in den nächsten Jahren entwickeln wird. Sein Debüt Album “Son of the Smith”, dass am 11. Mai veröffentlicht wurde, findet bereits großen Anklang.

Die Frank Turner Show

Für Frank Turner bedeutet das Lost Evenings Festival im Roundhouse vor allem eines. Vier unterschiedliche Shows an vier aufeinander folgenden Abenden auf die Beine zu stellen. Das ist nicht nur körperlich anstrengend – seine Liveshows sind vergleichbar mit ca. 90 Minuten Hochleistungssport – es sind auch sehr viele verschiedene Songs die er und die Sleeping Souls performen. Nur wenige Überschneidungen lässt der Sänger zu. Am Ende des vierten und letzten Abends hat er fast 90 Songs in vier Tagen gespielt.

Old and New

Das Motto der ersten Show des Festivals lautete “Old and New”. Eine gute Mischung aus alten Hits und aktuellem Material von seinem neuen Album “Be More Kind”, dass Sound & Books ebenfalls ausführlich besprochen hat. Das Set beinhaltete 24 Songs und dauerte glatte zwei Stunden. Die Show begann Frank Turner mit hohem Tempo. Erst nach „1933“, „Get Better“, „The Next Storm“ und „Recovery“ gönnte er sich, der Band und dem Publikum eine kurze Verschnaufpause. Neben Klassikern wie „The Road“ und „Gloria Halleluja“ mussten selbstverständlich auch neue Songs bestehen. „Make America Great Again“, das enorm poppige „Little Changes“ und der „21st Century Survival Blues“ kamen sehr gut an. Das musikalische Beiwerk aus dem Sequenzer fügte sich hervorragend in den Live-Sound der Band ein.

Emotional wurde es mit dem „Frightened Rabbit Cover Modern Leper“, das er seinem gerade verstorbenen Freund und Kollegen Scott Hutchison widmete. Spätestens als Frank Turners Stimme anfing zu brechen, konnten viele Zuschauer die Tränen nicht mehr zurückhalten. Nicht wenige mussten sich nach diesem Song erst einmal eine Auszeit nehmen. „Black Out“, „Out of Breath“ und „Photosynthesis“ bildeten den letzten Block vor den Zugaben und steigerten die Stimmung wieder deutlich. Mit „Don’t Worry“, „I Still Believe“, „Four Simple Words“ und „Polaroid Picture“ beschloss Frank Turner den hochemotionalen ersten Abend, der bei nicht wenigen einen mächtigen Kloß im Hals hinterließ.

Love, Ire & Song 

Vor zehn Jahren erblickte das Album Love, Ire & Song das Licht der Welt. Ein guter Grund, um ein einzigartiges Konzert zu spielen. Das komplette Album sollte live aufgeführt werden. Darunter auch Songs, die nur sehr selten gespielt werden und auch eine Live-Premiere. Als Frank Turner alleine die Bühne betrat um „Jetlag“ am Piano sitzend vorzutragen, trauten viele Fans ihren Augen nicht. Alleine im Spotlight am Piano sitzend, dürfte man Frank Turner vermutlich nicht so schnell wieder zu sehen bekommen. Weitere Highlights waren „Better Half“, „A Love Worth Keeping“ und „Front Crawl“. Alle drei Songs hatte Frank Turner seit mindestens zwei Jahren nicht mehr Live gespielt. Um „Old Flames“ zum ersten Mal live zu spielen, holte er Emily Barker als Unterstützung mit auf die Bühne. Auch der zweite Abend war ein voller Erfolg. Vor allem aber ist es ein besonderer Abend, der in dieser Form nie mehr wieder zu sehen sein wird. Proben konnte er den Auftritt übrigens nur während des Soundchecks am Nachmittag.

Frank Turner Solo

Der dritte Abend stand unter dem Motto “Sensible Sundays”. Alle Künstler des Tages waren eher von ruhigerer Natur. Dementsprechend gab es einen Frank Turner-Solo-Abend. Dass er auch ohne seine Band vollkommen problemlos 3000 Leute begeistern kann, zeigte die Lautstärke in der jeder einzelne Song vom Publikum mitgesungen wurde. Vom donnernden Gesang getragen führte Frank Turner durch ein langes Set von 25 Stücken, ohne Pause. Zugaben ersparte er sich und dem Publikum. Die Zeit, die für das Verlassen und Wiederbetreten der Bühne drauf gehen würde nutzte er lieber um noch mehr Songs zu spielen. Auch an diesem Abend waren einige Songs vom neuen Album im Set vertreten. Das auf dem Album sehr tragend und porös arrangierte Stück „There She Is“ machte solo gespielt einen sehr guten Eindruck und packte auch diejenigen, die den Song beim Hören des Albums eher überspringen würden. Mit „Rock & Roll Romance“ und „Undeveloped Film“ spielte er wieder zwei Songs, die schon seit längerem nicht mehr im Frank Turner-Live-Programm zu finden sind. Der Hit „I Still Believe“ und der kurze Gastauftritt von Beans On Toast entließ die Menge vollkommen euphorisiert in die Nacht.

Frank Turner Best of – der totale Abriss

Für das große Finale hatte Frank Turner sich noch ein wenig Energie aufgespart. Denn das letzte Lost Evenings-Konzert musste das Highlight schlechthin sein. Diese Show hatte einfach alles, was sich alten und neuen Fans für immer ins Gedächtnis brennt. Es konnte nach Herzenslust getanzt, mitgesungen und gesurft werden. Wer bei diesem Konzert dabei war, gab noch einmal alles was der Körper am vierten Tag eines Festivals noch hergeben kann. Bei Frank Turner-Shows gibt es nur zwei Regeln: “1. Don’t be an arsehole! 2. If you know the songs, sing along!” Das Ergebnis ist donnernder Gesang, der bei jedem Song durch die Halle schallt und 3000 gut gelaunte Menschen, die gemeinsam einen richtig tollen Abend verbringen.

Es sollte eine rasante Fahrt durch Frank Turners Repertoire werden. Obwohl der sympathische Engländer mittlerweile über 2000 Shows hinter sich gebracht hat, war seine Anspannung während des gesamten Festivals enorm hoch. Diese Anspannung löste sich beinahe explosionsartig beim Abschlusskonzert. „Eulogy“, „I Still Believe“, „Try This at Home“ und „Long Live the Queen“ bildeten den ersten Block. Ein fulminanter Start in die Frank-Turner-Rock-Show. Ein Highlight jagte das nächste. Dazu gehörte auch ein Crowdsurfing-Wettrennen mit Seán McGowan und Sam Duckworth (get cape. wear cape. fly) und Frank Turners persönlichen Ritt in über Menge beim letzten Song „For Simple Words“.

Das Konzert endete mit dem vollkommen erschöpften aber glücklichen Frank Turner im Funkenregen. Als die Lichter im Saal angingen, erklang noch einmal zum Abschied der Song „Frightened Rabbit Modern Leper“. Nachdem der letzte Ton aus den Lautsprechern verhallt war, sammelte sich eine riesige Gruppe Frank Turner-Fans vor der Bühne für ein spontanes Gruppenfoto bei dem mit aller Macht und aus vollem Halse der letzte Chorus von „Four Simple Words“ gesungen wurde. Der Chor schallte noch Minuten nach Ende des Konzertes durch die Halle und vor allem durch die Straßen. In Gruppen verschwanden die Fans singend in der Nacht.

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