Sinclair Lewis: Babbitt – Roman

Sinclair Lewis: Babbitt – Roman

Neuübersetzter, superber amerikanischer Roman-Klassiker, der bis heute wirkt

Im Oktober 2017 erschienen die ersten Bände in der neu designten Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Der dezente, klassische Stil der Covergestaltung ist einer bunten, fast schon von der Pop-Art inspirierten Optik gewichen. Ein sinnlich-haptisches Fest bleiben die Bücher der Manesse-Reihe indes auch im neuen Outfit. Zu den ersten Neu-Übersetzungen der modernisierten Manesse-Bände gehört der Roman Babbitt von Sinclair Lewis. Als Babbitt 1922 in den USA erschien, war Sinclair Lewis durch die zahlreichen Verkäufe des zwei Jahre vorher veröffentlichten Romans Main Street (liegt in der Zwischenzeit ebenfalls in der Manesse-Reihe vor, eine Besprechung an dieser Stelle folgt) ein bereits auf dem Buchmarkt erfolgreicher Schriftsteller.

Babbitt mehrte seinen Ruhm und war im starken Maße ausschlaggebend für die Verleihung des Literaturnobelpreises an Sinclair Lewis, dem diese Ehre als ersten amerikanischen Schriftsteller 1930 zu Teil wurde. Obwohl also fast hundert Jahre vergangen, hat Sinclair Lewis mit Babbitt, nicht nur aufgrund der kongenialen Übersetzung von Bernhard Robben, ein zeitloses Meisterstück geschrieben. Der amtierende US-Präsident Donald Trump würde die titelgebende Figur des George F. Babbitt lieben, den Roman hingegen vermutlich zutiefst ablehnen, oder gar hassen. Babbitt ist ein Vorzeige-Republikaner, der eine panische Angst vor dem Sozialismus entwickelt hat und den American Dream der Mittelschicht vorlebt. Im Jahre 1920 wohnt der 46-Jährige mit Frau und den drei Kindern im Alter von zehn bis 22 Jahren in „Zenith“, einer aufstrebenden, fiktiven Stadt im Mittelwesten.

Sinclair Lewis Babbitt Cover Manesse VerlagFür eine ursprünglich geplante Anwaltskarriere hat es nicht gereicht, als Immobilienmakler aber schlägt sich Babbitt überaus erfolgreich. Er schätzt den Fortschritt, das Wachstum und alle Modernismen, die das Leben vereinfachen sollen, weiß aber auch „wie wichtig eine einwandfreie Verdauung und ein geregeltes Leben“ sind. Er ist Mitglied in erzkonservativen Clubs, scheut die Veränderung und hält an liebgewonnenen Gewohnheiten fest. Ein Konformist, der die gesellschaftlichen Normen verinnerlicht hat, zu denen auch Geschäfte am Rande der Legalität zum wachsenden Wohlstand der Stadt Zenith gehören. Das Geldverdienen und der Materialismus bestimmen Babbitts Handeln, sogar Bildung ist in den Augen  dieses rechtschaffenen Bürgers lediglich Mittel zum Zweck der Kapitalvermehrung. Mit einem Vortrag zur Aufwertung des Maklerstandes erringt Babbitt einen gewissen Ruhm als Redner, der ihm fortan die Möglichkeit bietet, weitere inbrünstige Plädoyers auf Städte wie Zenith als ideale, standardisierte Heimat eines Amerikaners zu halten.

Trotz dieser Erfolge bleibt ihm der ersehnte gesellschaftliche Aufstieg verwehrt. Immerhin wird er zum Vizepräsidenten des Booster-Clubs gewählt, doch just zu dieser Zeit gerät er durch den Mordversuch seines besten Freundes Paul Riesling an dessen Ehefrau in eine tiefe Sinnkrise. Babbitt lässt sich auf ein diffuses Verhältnis mit der Witwe Tanis Judique ein, die ihn in Bohème-Kreise einführt, die nach ähnlichen Mustern wie sein herkömmliches Leben funktionieren und ihn ebenfalls nicht zufriedenstellen. Während eines Streiks äußert er liberale Ansichten und manövriert sich immer mehr ins gesellschaftliche und geschäftliche Abseits. Das Abschwören dieser kleinen Rebellion und die Rückkehr zum „alten“ Leben als angesehenes Mitglied der Gesellschaft gelingt Babbitt zum Zeitpunkt einer Blinddarmoperation bei seiner Frau, als sich die Bekannten seines „richtigen“ Lebens am Krankenbett versammeln.

Zwar führt der sehr geschätzte Michael Köhlmeier im Nachwort eine Fülle von Argumenten gegen die Einstufung des Romans als Satire auf, allerdings bedient sich Sinclair Lewis zahlreicher ironischer Stilmittel, um Babbitt jederzeit auch als Satire lesen zu können. Seine ausführlichen Beschreibungen des Alltäglichen, Banalen und Realistischen sind der schriftstellerische Nährboden, um die Durchschnittlichkeit eines George F. Babbitt zu karikieren und die Grenzen seines Protagonisten zu verdeutlichen. Der Roman ist gespickt mit köstlichen und spitzfindigen Dialogen, mit denen Lewis die amerikanische Mittelschicht beleuchtet und durchschaut. Ohne diesen sensationellen Roman ist die Literatur eines John Updike (vorzugsweise dessen Rabbit-Romane) nicht denkbar. Der 1885 geborene und 1951 verstorbene Sinclair Lewis war also Vorreiter für andere bedeutende amerikanische Schriftstellerkollegen und mit Babbitt schrieb er eine starke Charakterstudie sowie ein geniales Werk der Weltliteratur.

Sinclair Lewis: „Babbitt“, Manesse, aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben, Hardcover, 784 Seiten, 978-3-715-2384-0, 28 €. (Beitragsbild: Buchcover)

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