Michael Chabon: Moonglow – Roman

Michael Chabon: Moonglow – Roman

Ein skurriler, witziger und von Ideen überbordender neuer Michael Chabon-Roman

Das Leben der eigenen Familie thematisierte Michael Chabon bereits in seinen in Starbesetzung verfilmten Frühwerken „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ und „Wonder Boys“. Die außergewöhnlichste fiktive Familienbiographie hat der 1963 in Washington D.C. geborene Schriftsteller in seinem neuen, nach dem Glenn Miller-Stück benannten Roman „Moonglow“ geschrieben. Basierend auf den Lebensbericht eines Onkels seiner Mutter, entwirft Michael Chabon in „Moonglow“ eine detaillierte und facettenreiche Geschichte um die abenteuerlichen Erlebnisse des Großvaters seines nach sich selbst benannten Erzählers.

Michael Chabon Moonglow Cover Kiepenheuer & WitschDessen Opa liegt 1990 mit Krebs darnieder und erzählt in seinen letzten Wochen auf Erden seinem Enkel diverse wichtige Etappen seines Lebens, die Chabon bildmächtig und wortgewandt in Szene setzt. Fast logisch, dass Lebensbeichten eine Korrektur bisher bekannter Wahrheiten nach sich ziehen, und so wird auch der Erzähler Michael Chabon mit abweichenden, bisher anders weitergetragenen Erinnerungen seines Großvaters konfrontiert. Chabon wird Zuhörer und Chronist des Lebens des Elektroingenieurs, der im 2. Weltkrieg Wernher von Braun jagte, jenem berühmt-berüchtigten Erfinder der V2-Rakete, mit dem sich Chabons Opa die Faszination für Raketen und den Traum einer Mondfahrt teilte und der während des Kalten Krieges trotz NSDAP- und SS-Vergangenheit den Amerikanern tatkräftig zur Realisierung eben jenes Traums verhalf. Nach dem Krieg heiratete der Großvater eine labile, aus Frankreich stammende, alleinerziehende Jüdin, die immer mehr in den Wahnsinn abdriftete und später an Krebs starb, während der Großvater nach einer Entlassung fast zum Mörder wurde und im Gefängnis landete.

Mit einer einfallsreichen und lässigen, zwischen intellektuell und salopp changierenden Prosa springt Michael Chabon episodenhaft in der Chronologie der Geschehnisse. In Baron Münchhausen-Manier mit John Irving-Humor gelingt ihm dabei eine zauberhafte Liebeserklärung an die, in dieser Form erfundenen, Großeltern, dem rational denkenden, wissenschaftlich orientierten Opa, der als Hobby Mondstationen im Kleinformat baut, und der empfindsamen Oma, die in ihren Alpträumen von einem gehäuteten Pferd verfolgt wird. „Moonglow“ ist ein lebendiger Roman, der von skurrilen Personen bevölkert wird und von absurden Ideen und spitzfindigen Dialogen lebt, in die sich der Erzähler immer wieder selbst mit einbezieht. Ein überbordender, als Autobiographie getarnter Roman, in dem Michael Chabon ein höchst unterhaltsames Spiel mit Wahrheit und Fiktion treibt.

Michael Chabon: „Moonglow“, Kiepenheuer & Witsch, aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer, Hardcover, 496 Seiten, 978-462-05074-5, 24 € (Beitragsbild: Buchcover).

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