Staring Girl: In einem Bild – Albumreview

Staring Girl: In einem Bild – Albumreview

Die Hamburger Indie-Folk-Rock-Band Staring Girl mit einem starken neuen Album zwischen Nils Koppruch, Neil Young und Wilco

Fans der Hamburger Band Staring Girl konnten sich bereits im Vorfeld der Veröffentlichung des neuen Albums In einem Bild von der Qualität der Songs überzeugen. So spielten Staring Girl während ihres Auftritts im Hamburger Knust sämtliche Stücke des Longplayers und ernteten großen Applaus. Und was die Live-Präsentation versprach, hält das Album mühelos ein. In den im Sommer 2016 im Watt’n-Sound-Studio an der nordfriesischen Nordseeküste live und analog aufgenommenen Songs, die sich zwischen Americana, Singer-Songwriter und Folk-Rock einpendeln, schwebt immer wieder der Geist des 2012 verstorbenen Nils Koppruch.

Auch Gisbert zu Knyphausen kann mühelos als Referenz herangezogen werden, ohne Staring Girl des Epigonentums bezichtigen zu müssen. Beim zwölften, letzten und mit achteinhalb Minuten deutlich längsten Song des Albums, „Schwarz zu Weiß“, kommt  das Quintett Neil Young und Wilco so nah wie nur möglich. Der verhalten-melancholisch beginnende, mit Flügelhorn und Posaunen veredelte Track verwandelt sich nach und nach in einen treibenden Strom aus vorwärtspeitschenden Drums und explosiven Gitarrensoli. Was für Neil Young „Down By The River“ und für Wilco „Impossible Germany“, ist für Staring Girl „Schwarz zu Weiß“.

Staring Girl In einem Bild AlbumcoverDoch das Schöne an In einem Bild ist ja, dass Texter, Sänger und Gitarrist Steffen Nibbe und seine Bandkollegen Gunnar Ennen (Gitarren, Tasteninstrumente), Jens Fricke (Gitarre), Frenzy Suhr (Bass) und Robert Weitkamp (Schlagzeug) noch elf weitere, hervorragende Lieder geschrieben haben, die von Nibbes starker Beobachtungsprosa geprägt sind, wie in „Bilder an der Wand“: „Später haben die Autos alle Scheinwerfer an und die Wolken haben Ränder / Gibt es ein Glück ohne Ränder wenn man sich von Linien löst? Ich seh‘ den Wolken hinterher und in der Siedlung wird es jetzt still sein.“ Zu weiteren Highlights von In einem Bild zählen der optimistische Opener „Stolpern, taumeln und laufen“, das  percussiv-groovende und immer wieder explodierende „Vor meiner Tür“ sowie das zurückhaltend-nachdenkliche „Matratzenladenneonröhrenlicht“ („Wir leben vorwärts, verstehen rückwärts / Und der Bus fährt hin und her / Eine Bustür atmet aus / Ein Bus bringt mich nach Haus / Der Himmel frei und ein Jahr geht vorbei“).

Auch das bei Sounds & Books als Song des Tages vorgestellte „Diebe, Halunken und Leute“, samt eines Textes, der ursprünglich anders gedacht war, mit der Geschichte der Hamburger Obdachlosen Nicole Förster im dazugehörigen Video indes eine neue Bedeutung erhält und der dramatische Titelsong „In einem Bild“ ragen aus diesem sowieso schon wunderbaren Album heraus. Zusätzlich zur guten Musik von Staring Girl wartet das Album mit einem 32-seitigen Booklet auf, in dem sich zahlreiche, sehr beeindruckende, die einzelnen Songs illustrierende Schwarz-Weiß-Bilder des Fotografen Victor Kataev befinden. Ein bärenstarkes Gesamtpaket. Und ein Kandidat für das Herzensalbum des Jahres 2018.

„In einem Bild“ von Staring Girl erscheint am 20.04.2018 bei Kombüse Schallerzeugnisse / Broken Silence (Beitragsbild: Staring Girl by Gérard Otremba).

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