Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes – Roman

Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes – Roman

Der würdige Abschluss von Elena Ferrantes epochaler Freundschafts- und Neapel-Saga

Das Ferrante-Fieber hält an. Auch der vierte und abschließende Band der „Neapolitanischen Saga“, Die Geschichte des verlorenen Kindes, stürmte in vordere Bereiche der Bestsellerliste, ein echter Verkaufs-Coup für den momentan durch die Debatte um seinen Autor Uwe Tellkamp im Fokus der medialen Welt stehenden Suhrkamp-Verlages. Elena Ferrantes Erfolg ist erklärbar, spannende und intelligente Unterhaltung bietet die italienische Schriftstellerin in allen Teilen ihrer Tetralogie, von Meine geniale Freundin, über Die Geschichte eines neuen Namens, hin zu Die Geschichte der getrennten Wege. Ferrante gibt den Süchtigen selbstverständlich auch im letzten Band genügend Stoff, Die Geschichte des verlorenen Kindes ist das würdige Ende eines atemberaubenden Epochenszenarios.

Elena Ferrante Die Geschichte des verlorenen Kindes Cover Suhrkamp VerlagEs geht, wie üblich bei Ferrante, chronologisch im Erzählstrang weiter und setzt 1976 ein. Elena, auch Lenù genannt, die Erzählerin der Geschichte, trennt sich von ihrem Mann Pietro Airota und lässt sich auf ihre Jugendliebe Nino Sarratore ein. Mit ihren beiden Töchtern Dede und Elsa zieht sie sogar zurück nach Neapel, zunächst in eine von  Sarratore bezahlte Wohnung eines angesehenen Viertels in der Stadt am Vesuv, später wohnt sie sogar wieder im Rione, in einer vergleichsweise heruntergekommenen Wohnung, direkt über der ihrer Freundin und Antagonistin Lila. Denn längst hat sich Nino Sarratore als typischer Nachfahre seines Vaters, des einstigen Frauenhelden Donato Sarratore, der vor vielen Jahren Lenù verführte, herauskristallisiert. Trotz großer Liebesschwüre kann sich Nino nicht von seiner Familie trennen, hat zahlreiche Affären und wird von Elena in flagranti mit ihrer Haushälterin erwischt.

Die inzwischen als Schriftstellerin zu Ruhm gekommene Elena ist nun alleinerziehende Mutter dreier Töchter, praktisch zeitgleich wurden Lenù und Lila schwanger, Lenù von Nino, Lila von ihrem Lebensgefährten und Firmenpartner Enzo Scanno. Elena ist also nach jahrelanger räumlicher Distanz wieder in unmittelbarer Nähe zu ihrer dauerhaften Freundin und Rivalin Lila, die mit einer von ihr und Enzo betriebenen IT-Firma Ansehen und finanzielle Unabhängigkeit erreicht hat und einen Gegenpol zu den Solara-Mafiosi-Brüdern im Rione bildet. Der letzte Band von Ferrantes Neapolitanischen Saga ist geprägt von Schicksalsschlägen. Einige Todesfälle, ein verheerendes Erdbeben sowie das Verschwinden eines Kindes und die Folgen für die Protagonisten stehen genauso im Vordergrund des Romans, wie das innige und zeitweise zerrüttete Verhältnis zwischen Elena und Lila.

Gewohnt detailliert und mit einem großen Personalaufgebot schließt Elena Ferrante ihre Saga, diesmal wieder mit über 600 Seiten, ab. Nicht ungewöhnlich für epochale Werke wie diesem, dass die letzten Jahre der Geschichte fast im Zeitraffer dahinfliegen und für Wehmut sorgen, doch erreicht Ferrante zur Zufriedenheit des Lesers den Ausgangspunkt der Roman-Tetralogie, das Verschwinden Lilas. Wie in den vorangegangenen Bänden  fesseln Inhalt und Stil gleichermaßen. Mit ihrer süffigen und doch geistreichen Prosa, kombiniert mit exakten Charakterdarstellungen und historischen Informationen, breitet Elena Ferrante ein überbordendes und spektakuläres Panorama Italiens am Beispiel Neapels in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus. Außerdem gehört die „Neapolitanische Saga“ zweifellos zu den schönsten und mitreißendsten Freundschaftsromanen der Literaturgeschichte. Ein himmlisches Lesevergnügen.

Elena Ferrante: „Die Geschichte des verlorenen Kindes“, Suhrkamp, aus dem Italienischen von Karin Krieger, Hardcover, 614 Seiten, 978-3-518-42576-3, 25 € (Beitragsbild: Buchcover, Suhrkamp Verlag).

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