The Decemberists: I’ll Be Your Girl – Album Review

The Decemberists: I’ll Be Your Girl – Album Review

Eine musikalische Horizonterweiterung führt bei The Decemberists zu einem neuen Höhenflug

Nach 17 Jahren wollten sie die Komfortzone verlassen, neue Wege ausprobieren, sich von alten Mustern befreien, wird Sänger und Gitarrist Colin Meloy im Pressetext zitiert. Hierzu begaben sich The Decemberists mit dem neuen Produzenten John Congleton (St. Vincent, Lana del Ray) in ein neues Studio und ließen sich von Roxy Music und New Order inspirieren. I’ll Be Your Girl ist das achte Album der Indie-Folk-Rock-Band aus Portland, Oregon, und lag man bereits Werken wie Picaresque, The Crane Wife, The King Is Dead und What A Terrible World, What A Beautiful World zu Füßen, so gilt es auch dem neuen The Decemberists-Longplayer zu huldigen.

The Decemberists I'll Be Your Girl AlbumcoverMögen Colin Meloy, Gitarrist Chris Funk, Keyboarderin Jenny Conley, Bassist Nate Query und Schlagzeuger John Moen in einigen Songs Synthieklänge in den Vordergrund stellen, es kommt jedoch in keiner Phase dieses Albums zu einem Stilbruch, wie ihn die kanadischen Genre-Kollegen von Arcade Fire während ihrer Erneuerungszeit auf Reflektor begingen und dabei in die falsche Richtung abbogen. Trotz Veränderungen sind The Decemberists auf I’ll Be Your Girl wiederzuerkennen. Das Quintett betreibt musikalische Horizonterweiterung vom Feinsten. Beim Opener „Once In My Life“ schält sich die akustische Gitarre langsam aus dem Off in den Vordergrund, es folgt Meloys brüchig-melancholische Stimme, dann die Backing Vocals und plötzlich explodiert der Song und man fühlt sich fast schon wie bei The War On Drugs, so überwältigend, hymnisch und edel führen The Decemberists diesen Track zu Ende.

Wie ein mittelalterlicher Folk-Minnegesang beginnt „Cutting Stone“, bevor bunte, Jean-Michel Jarre-artige Synthies Colin Meloys unfassbar traurigen Gesang vor dem Bösen der Welt beschützen. Anschließend die Vorab-Single „Severed“, ursprünglich als Punk-Song konzipiert, am Ende als eine angriffslustige und spektakuläre Mischung aus New Order und Depeche Mode auf dem Album gelandet.  „Starwatcher“ startet als Fleet Foxes-Folk und geht über in einen geklöppelt-spacigen OMD-New Wave. Die Mitte des Albums ist erreicht, nur noch sanfte Keyboardsounds und ein zurückgelehnte E-Gitarre begleiten Colin Meloy bei „Tripping Along“, eine überraschende Reduktion, die für „Your Ghost“ wieder über den Haufen geworfen wird, das unaufhaltsam und theatralisch vorwärtsprescht, überbordend und typisch The Decemberists. Ganz schön was los auf I’ll Be Your Girl, zur Ruhe kommt nicht wirklich.

„Everything Is Awful“ ist die ultimative Kreuzung aus Beatles, ELO, Belle & Sebastian und Glam-Rock, The Decemberists brennen hier ein Wahnsinnsfeuerwerk ab. Und es hört einfach nicht auf zu leuchten. „Sucker’s Prayer“ ist 70er-Songwriter-Rock-Pop allererster Güte, von The Decemberists zwischen Westcoast-Charme und Indie-Nonchalance zelebriert. In „We All Die Young“ spüren sie dann auch noch Slade, David Bowie und Roxy Music auf fast parodistische Weise nach. Das achtminütige „Russalka, Russalka / The Wild Rushes“ das noch fehlende Indie-Folk-Rock-Drama, getragen, aufbrausend, pathetisch, bombastisch und der Titeltrack „I’ll Be Your Girl“ zum Abschluss dann ein liebreizendes Folk-Ständchen. Ach, ich muss verrückt sein, aber I’ll Be Your Girl ist für The Decemberists wohl nicht weniger als das, was das „White Album“ für die Beatles war.

„I’ll be Your Girl“ von The Decemberists erscheint am 16.03. 2018 bei Rough Trade / Beggars Group (Beitragsbild: Pressefoto The Decemberists).

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