First Aid Kit live in Hamburg 2018 – Konzertreview

First Aid Kit live in Hamburg 2018 – Konzertreview

Erste Hilfe gegen Winterdepression

Die zwei Mädchen aus dem Wald sind erwachsen geworden. Als Johanna und Klara Söderberg 2008 den „Tiger Mountain Peasant Song“ der Fleet Foxes sangen und das Video bei YouTube hochluden, waren sie gerade einmal 18 und 15 Jahre alt. Zehn Jahre später stehen die beiden Schwestern am 10.03.2018 selbstbewusst, ganz in Schwarz gekleidet und unterstützt von drei männlichen Begleitmusikern in der ausverkauften Großen Freiheit 36 – und haben bereits eine beachtliche Karriere vorzuweisen.

Vier erfolgreiche Alben, den schwedischen Grammi sowie den Nordic Music Prize gewonnen und zahlreiche Kooperationen mit ihrem Vorbild Conor Oberst haben First Aid Kit international viel Beachtung verschafft. Mit dem neuen Album „Ruins“ verlassen die Schwestern den gewohnten Pfad und kommen auffällig rockiger und düsterer daher.

Das Konzert in der Großen Freiheit in Hamburg beginnt mit „Rebel Heart“ entsprechend kraftvoll. Klara trägt anfangs eine Nieten-Lederjacke, die sie erst nach dem dritten Stück, „It’s A Shame“, ablegt.  Mit „Wie geht’s, Digger?“ begrüßt Johanna das Publikum, bevor die Band mit „King Of The World“, „Postcard“ und „Stay Gold“ endgültig die Herzen erobern. Es ist immer wieder beeindruckend, wie gut die beiden Stimmen miteinander harmonieren. Und es ist wundervoll, wie sie von der Band in Szene gesetzt werden. Die drei Musiker (an Schlagzeug, Tasten und Posaune sowie Steel Guitar und Banjo) schmücken die Songs aus, die Klara an der Gitarre und Johanna am Bass vortragen.

Welche Energie das Duo entwickeln kann, zeigt der Mittelteil. Das kraftvolle „The Lion’s Roar“ geht nahtlos über in „You Are The Problem Here“, eine wütende Anklage gegen Sexismus. Klaras Zorn ist bis in die letzte Reihe spürbar. „We need to put the shame and the blame back to where it belongs, not to the victims“ sagt sie im Anschluss. Es folgen mit dem gefühlvollen „To Live A Life“, dem Titeltrack vom neuen Album „Ruins“, sowie mit den gefeierten „Fireworks“ und  „Emmylou“ weitere emotionale Highlights.

In der Zugabe stehen die fünf Musiker am Bühnenrand und spielen in Mardi Grass-Manier eine herrlich aufgekratzte Version von „Hem Of Her Dress“, bei der der ganze Saal enthemmt einstimmt und schunkelt, als sei dies hier eine Seemannskneipe morgens um halb vier. Mitreißend und authentisch: Mit ihrer Stimmgewalt und ihrer ansteckenden Euphorie zaubern First Aid Kit großzügig Glücksgefühle. Es war ein magischer Abend.

(Beitragsbild: First Aid Kit, Pressefoto Sony Music)

Kommentar schreiben