Szczepan Twardoch: Der Boxer – Roman

Szczepan Twardoch: Der Boxer – Roman

Dritter exzellenter Roman des polnischen Autors Szczepan Twardoch in Folge

Der neue Roman des polnischen Schriftstellers Szczepan Twardoch beginnt mit dem letzten Kampf des Boxers Jakub Shapiro. Im Jahre 1937 schickt der für den jüdischen Verein Makkabi antretende Amateursportler seinen für Legia Warschau kämpfenden und rechten Nationalisten zugehörigen Gegner auf die Bretter. Mit 37 Jahren ist es für Shapiro an der Zeit, den Boxhandschuh an den Nagel zu hängen und sich ausschließlich um seinen Job als rechte Hand des berüchtigten Paten Jan Kaplica zu kümmern, in dessen Auftrag er nur zwei Tage vor seinem finalen Ringauftritt den zahlungsunfähigen „Verwaltungsangestellten der Jüdischen Heilanstalt und erfolglosen Ladenbesitzer“ Naum Bernstein exekutiert hat.

Szczepan Twardoch Der Boxer Cover Rowohlt VerlagDessen 17-jähriger Sohn Mojsche wird Zeuge des Boxkampfes und gerät anschließend in die Obhut Shapiros, der ihm fortan als Vorbild dient. Er taucht ab in die Warschauer Unterwelt aus Gewalt, Drogen, Prostitution, begegnet dem Paten und dessen ausführenden Organen wie der durch zwei Gesichter entstellten janusköpfigen Gestalt Pantaleon Karpinski. Mojsche Bernstein wird Chronist von Shapiros Leben im Jahr 1937, das gravierende Veränderungen mit sich bringt. Und so erzählt er aus der fünfzig Jahre späteren Erinnerung über blutige Straßenkämpfe und einen geplanten politischen Putsch von Rechts. Im Strudel der unübersichtlichen Ereignisse wird Kaplica verhaftet und Jakub Shapiro schlüpft sukzessive in die Rolle des Warschauer Paten.

Szczepan Twardoch, der  mit seinem Übersetzer Olaf Kühl für seinen letzten, an dieser Stelle besprochenen Roman Drach mit dem Brücke Berlin-Preis ausgezeichnet worden ist, ist ein literarischer Trickser, der mit seiner Erzählperspektive in die Irre führt. Es sind zarte Andeutungen und Fragen nach der eigenen Identität des Erzählers, die einen stutzig werden lassen. Dass es der Boxer Jakub Shapiro selbst ist, aus dessen Sicht die Story erzählt wird, bleibt lange unklar und ist nur eins von vielen  spektakulären Details dieses mal wieder vortrefflichen Romans des 1979 geborenen Twardoch. Seine Darstellungen der einzelnen Charaktere, Stimmungen und politischen Strömungen sind präzise, bildhaft und ekstatisch, dem Wahn nahe. Damit bleibt sich Szczepan Twardoch stilistisch treu und hat nach Morphin und Drach mit Der Boxer den dritten außergewöhnlichen und exzellenten Roman in Folge geschrieben.

Szczepan Twardoch: „Der Boxer“, Rowohlt Berlin, aus dem Polnischen von Olaf Kühl, Hardcover,  978-3-7371-0008-3, 22,95 € (Beitragsbild: Cover „Der Boxer“).

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