Kettcar live in Hamburg 2018 – Konzertreview

Kettcar live in Hamburg 2018 – Konzertreview

„Humanismus ist nicht verhandelbar“

Sie hätten sich „viel Scheiße anhören müssen“ wegen des Songs „Sommer `89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“, sagt Sänger und Gitarrist Marcus Wiebusch, nachdem er mit seiner Band Kettcar eben jene erste Single des aktuellen Albums Ich vs. Wir beendet hat. „Wie der Text zu verstehen sei usw., dabei mache es uns doch zu Menschen, anderen Menschen durch Zäune zu verhelfen. Humanismus ist nicht verhandelbar“, so Wiebusch weiter. Ein Statement mit Ausrufezeichen bereits nach dem fünften Song beim Kettcar-Konzert am 07.02.2018 in der Großen Freiheit zu Hamburg.

Es ist der dritte und letzte Auftritt hintereinander in der Freiheit, drei Heimspiele und alle drei ausverkauft, für Marcus Wiebusch ist das „nicht selbstverständlich“, die Freude darüber bei der Band groß. Er ironisiert an diesem Abend die mediale Wahrnehmung von Kettcar als politische Band („Live in der ausverkauften Barclaycard-Arena: Kettcar – Jetzt auch politisch“) und kündigt an, so lange weiterspielen zu wollen, bis keiner mehr den Unterschied zwischen ihren politischen Songs und ihren Liebesliedern erkenne. Das sollen Kettcar mal schön tun, schließlich ist das Private ja auch immer irgendwie politisch.

Letztendlich ist die „Politisierung“ Kettcars eine wichtige Positionierung gegen rechte Tendenzen in Deutschland und Europa, die in den neuen Songs „Sommer `89“, „Wagenburg“ (das in der Setlist direkt auf „Sommer `89“ folgt) und „Mannschaftsaufstellung“ (drittletzte Song vor den Zugaben) kulminiert. Deswegen wird das Kettcar-Konzert jedoch nicht zu einer politischen Veranstaltung. Neben weiteren Stücken aus Ich vs. Wir, wie dem wehmütigen „Trostbrücke Süd“ zu Beginn, dem explosiven „Benzin und Kartoffelchips“ und dem Gaslight Anthem-artigen „Ankunftshalle“ kurz vor Schluss, gibt es lautstark umjubeltes älteres Material („Balkon gegenüber“, „Graceland“, „Money Left To Burn“) und einen „Emo-Block“ mit drei Liebesliedern hintereinander, die „mal gut, mal schlecht ausgehen“ („Rettung“, „48 Stunden“, „Balu“) und das Publikum  immer als textsichere und lautstark mitsingende Fans ausweist.

Die Band zeigt sich in Spiel- und Plauderlaune. Bassist Reimer Bustorff erzählt immer wieder von früheren Zeiten, als er sich im Kaiserkeller unter der Freiheit beim DJ immer Songs gewünscht habe, auf die er aber nie tanzte und später als DJ genau diese Gäste immer gehasst habe. Einmal musste er Olli Schulz als DJ ausgerechnet bei einer Oldie-Nacht (war nicht so Bustorffs Ding) vertreten und zog sich den Zorn der Besucher zu. Es stimmt alles an diesem Abend. Super Band, super Musik, super Stimmung. Am Ende „einmal noch durchdrehen“ bei „Deiche“, die Fan-HipHop-Wink-Einlage der Fans während „Der Tag wird kommen“ und natürlich die Hamburg-Hymne schlechthin, „Landungsbrücken raus“.

Und ja, eigentlich kann danach nichts mehr kommen, „Profis hören jetzt auf, wir machen weiter“ (Marcus Wiebusch), denn einen wichtigen Song hat das Quintett (neben Wiebusch und Bustorff gehören Erik Langer an der Gitarre, Lars Wiebusch am Keyboard und Christian Hake am Schlagzeug zur Besetzung) noch. Der Hoffnungssong „Den Revolver entsichern“ mit der Mutmach-Zeile „von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen“. Die Aufforderung nehmen wir gerne mit auf den Weg.

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