William Saroyan: Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich – Storys

William Saroyan: Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich – Storys

 

Überragende Erzählungen des wieder zu entdeckenden amerikanischen Autors William Saroyan

Die Great Depression und ihre Folgen. Der 1908 im kalifornischen Fresno geborene und von armenischen Einwanderern abstammende William Saroyan schaut in seinen Storys auf die gesellschaftlich Abgehängten, auf Arbeitslose, Immigranten (Mexikaner, Assyrer, Filipinos, Armenier) und Indianer. Das Buch Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich versammelt sechzehn zwischen 1934 und 1942 entstandene Erzählungen (lediglich die Geschichte „Der Petersiliengarten“ datiert aus dem Jahr 1950), die die damalige Popularität Saroyans untermauern und zu einer Wiederentdeckung des 1981 verstorbenen Autors einladen.

Die teils autobiographisch gefärbten Short Storys sind durchdrungen von einer tiefen Menschlichkeit, von einem überdimensionalen Gerechtigkeitssinn und einer bewegenden Sensibilität. In der titelgebenden Geschichte kündigt der 18-jährige Ich-Erzähler seinen Buchhalterjob in einer Friedhofsfirma, damit eine wesentlich ältere, langjährige just entlassene Mitarbeiterin den ihren doch behalten kann. Das Geld seines Abfindungschecks hinterlegt er für eine Probefahrt mit der neuesten Harley Davidson beim örtlichen Händler. Die Fahrt dauert etwas länger als vorgesehen und führt ihn bis nach Monterey, wo er schon immer mal hin wollte.

Sounds & Books_William Saroyan_Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich_Ccver_dtvVon den angezahlten 13 Dollar bekommt er keinen Cent wieder zurück, aber diesen Ausbruch ins carpe diem bereut er keine Sekunde: „Ich ging hinaus und geradewegs zu meiner Bude, und ich hielt kein einziges Mal inne, um darüber nachzudenken, wo ich bloß einen Job finden konnte. Ich freute mich zu sehr über die Fahrt bis nach Monterey und zurück.“ Die Erzählung „Die kleine Miss Universe“ lebt von ihren drei immer bankrotten Protagonisten, die zwar große Pferdekenner sind, aber nie Geld haben, um auf Pferde setzen zu können. Ihre Zeit verbringen sie trotzdem im Kentucky Pool Room in San Francisco und einer von ihnen, Willie, malt sich gerne aus, was wohl gewesen wäre, wenn er mal hätte wetten können. Vom Erzähler mit dessen letztem Dollar beglückt, setzt er, auf ein krudes System bauend, auf das absolute Außenseiterpferd „Miss Universe“, das im Rennen ohne Chance bleibt.

Aber dort, wo sonst normalerweise nicht unbedingt der Bär steppt („Wohlgemerkt, im Kentucky Pool Room passiert eigentlich nie etwas. Wetten werden abgeschlossen, ein paar Glückliche kassieren, aber auf lange Sicht verlieren alle.“) sorgt der involvierte Erzähler für Spannung. Und wer am Ende gewinnt, ist definitiv der Leser. Wenn er beispielsweise die rührende Geschichte des elfjährigen Al in „Der Petersiliengarten“, der beim Klauen eines Hammers bei Woolworth erwischt wird, lesen darf.

Oder  die späte Richtigstellung des vermeintlichen Birnenklaus eines ehemaligen Schülers in „Fünf reife Birnen“. Und natürlich die Story des stärksten Ringers seiner Zeit, Ramon Internationale, der sich weigert, einen abgekarteten Kampf zu verlieren („Unsere kleinen braunen Brüder, die Filipinos“). Die Erzählungen in Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich sind witzig, traurig, kämpferisch, hoffnungsvoll und moralisch, aber unpathetisch. Die legere Sprache William Saroyans ist so cool und lässig wie die Protagonisten selbst. Holden Caulfield wäre sicherlich zum Fan von Saroyans Storys geworden. Ich bin es auf jeden Fall.

William Saroyan: „Wo ich herkomme, sind die Leute freundlich“, dtv, aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl, mit einem Nachwort von Richard Kämmerlings, Hardcover, 201 Seiten, 978-3-423-28137-9, 20 €.

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.