Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant – Roman

Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant – Roman

 

Intensiv und literarisch wertvoll

Den Roman Der Sympathisant von Viet Thanh Nguyen leichter Hand als Politthriller einzustufen, wird dem Buch nicht wirklich gerecht. Der 2016 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Roman des in Vietnam geborenen und in den USA aufgewachsenen Viet Thanh Nguyen spielt nur mit dem Genreklischee, ein neuer John Le Carré ist Nguyen nicht, obwohl der namenlose Erzähler in der Sympathisant beruflich als Spion unterwegs ist. Oder war, muss man korrekterweise berichtigen, denn während er seine Geschichte niederschreibt, sitzt er in einem Umerziehungslager in Vietnam und muss den Text so lange verändern, bis die „Wahrheit“ stimmig auf dem Papier steht.

Sounds & Books_Nguyen_Der_Sympathisant_Cover_Blessing VerlagVon einigen Folter- und Kriegsszenen sowie eines Mordkomplotts abgesehen, haben Inhalt und Stil  mit Spannung und Thrill weniger zu tun, als mit Reflexion und Analyse. Der Ich-Erzähler ist das Kind einer vietnamesischen Hausfrau und eines französischen Missionars und als kommunistischer Doppelagent für den Vietcong und die CIA tätig. Während Saigon 1975 vom Vietcong eingenommen wird, kann der Hauptprotagonist an der Seite seines Generals fliehen und findet in den USA Unterschlupf. Eine richtige Heimat werden die Staaten für ihn nicht, seine vietnamesische Herkunft stößt auf mangelnde Akzeptanz, die ihn während seiner Studienzeit ebenfalls begleitet. Die Beobachtungen und soziologischen Abhandlungen, manchmal sehr trocken, aber häufig mit einem witzigen und ironischen Unterton versehen, sind das Fundament dieses Romans.

Zum Mittelpunkt von Der Sympathisant gerät die groß angelegte Geschichte eines Vietnamkriegsfilmdrehs auf den Philippinen, der in vielerlei Hinsicht Parallelen zu Apocalypse Now aufweist. Der Ich-Erzähler ist als Regie-Assistent engagiert, um die vietnamesischen Statisten im Film möglichst authentisch wirken zu lassen und diesen gleichzeitig zu unterwandern. Er scheitert zwar letztendlich grandios, aber Nguyen erzählt die Passage süffisant und nach allen Regeln einer Groteske. Der ins sich zerrissene Held, der sich bereits in den Eingangssätzen als „Mann mit zwei Gesichtern“ und „Mann mit zwei Seelen“ beschreibt, stößt bereits in den 70ern und 80ern auf Fremdenfeindlichkeit in den USA und lässt uns teilhaben an seinen kritischen Ausführungen über seine „Wahlheimat“, obwohl vielen westlichen Annehmlichkeiten positiv gegenüberstehend.

Kein Relikt eines vierzig Jahre zurückliegenden Krieges also, sondern zeitlos relevant. Viet Thanh Nguyen hat mit Der Sympathisant einen Roman über den in der westlichen Welt sogenannten „Vietnamkrieg“ (in Vietnam ist es der „amerikanische Krieg“) aus vietnamesischer Sicht geschrieben, eine rar gesäte Perspektive in der zeitgenössischen Literatur. Ein intensiver, philosophischer,  gesellschaftskritischer, nachdenklicher, humorvoller und  literarisch hehrer und wertvoller Roman über Politik, Moral, Ideologie, Geschichte und Identität.

Viet Thanh Nguyen: „Der Sympathisant“, Blessing, aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller, Hardcover, 528 Seiten, 978-3-89667-596-5, 24,99 €.

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