Marc-Uwe Kling: QualityLand – Roman

Marc-Uwe Kling: QualityLand – Roman

 

Aber dort leben, nein danke!

Algorithmen bestimmen das Leben der Menschen in Qualityland. Grund genug, das Buch erst gar nicht zu lesen, denn die Vorstellung dieser Zukunft löst Alpträume im Wachzustand aus. Allerdings stammt der Roman QualityLand aus der Feder von Marc-Uwe Kling, dem Erfinder der kultigen und subversiven Känguru-Trilogie.  Das verspricht nun wiederum ein großer Spaß zu werden, Algorithmen hin oder her. Denn dort, wo Marc-Uwe Kling draufsteht, ist auch Marc-Uwe Kling drin. In QualityLand entwirft der begnadete Humorist ein dystopischen Szenario, das vom kommunistisch-witzigen  Känguru immer befürchtet worden ist und gegen das er im Untergrund kämpfte.

Sounds & Books_Marc-Uwe Kling_Qualityland_Cover_Ullstein VerlagDie von Kling beschriebene nahe Zukunft ist voll und ganz durchdigitalisiert. Die Wirtschaftsunternehmen „TheShop“ („der weltweit beliebteste Versandhändler“), „QualityPartner“, „What-I-Need“ und „Everybody“ bestimmen das Leben der Bevölkerung, die sich in Wahlkampfzeiten befindet, liegt doch die amtierende Präsidentin im Sterben, sogar der exakte Todestag ist bereits ausgerechnet. Der rechtspopulistische, ehemaliger Fernsehkoch und Besitzer eines Imperiums von Nahrungsmittelherstellern, Conrad Koch, tritt gegen den liberalen, demokratischen, besserwisserischen Androiden „John of Us“ an. Zwischen diesen beiden muss sich auch der Maschinenverschrotter und Hauptprotagonist des Romans, Peter Arbeitsloser (die Menschen tragen den zur Zeit des Zeugungsaktes ausgeübten Beruf ihres, das jeweilige Geschlecht bestimmenden, Elternpaares als Nachnamen) entscheiden.

Doch Peter Arbeitsloser, der zahlreiche, aus verschiedenen Gründen aufs Abstellgleis geschobene, oder in Sinnkrisen geratene Roboter und Maschinen gar nicht verschrottet, sondern im Keller am Leben lässt, hat ein ganz anderes Problem. Eine Drohne von TheShop (Motto: „Wir wissen, was du willst“), hat ihm, ohne eine je getätigte Bestellung aufgegeben zu haben, einen rosafarbenen Vibrator in Delfinform zugestellt, mit dem Peter nichts anfangen kann und den er partout zurückgeben möchte. Ein schier aussichtsloses Unterfangen, schließlich sind alle Sendungen auf die Bedürfnisse der Empfänger zugeschnitten, eine Rücknahme gar nicht im System vorgesehen. Gemeinsam mit der Außenseiterin Kiki und seinen wackeren Maschinen beginnt Arbeitsloser sich zu wehren und den Kampf David gegen Goliath neu zu inszenieren.

Während Juli Zeh in ihrem neuen Roman Leere Herzen (Rezension demnächst bei Sounds & Books) den dystopischen Politthriller als Genre wählte, um der heutigen Zeit auf den Zahn zu fühlen, bleibt Marc-Uwe Kling auf dem gewohnten Terrain der Satire. Die beherrscht er und so gibt es auch in QualityLand genug Lacher, obwohl Kling einen gar nicht zum Lachen anmutenden Überwachungsstaat beschreibt, in dem Amazon, Facebook & Co. das Endziel erreichten haben, die Weltherrschaft. Kling begegnet diesem Größenwahn der Digitalisierung mit Humor und zieht ihn ins Lächerliche. Der Witz ist vielleicht nicht mehr so subversiv wie in den Känguru-Geschichten (so ganz kann er von seinem Bestseller-Freund nicht lassen, das Känguru findet eine kurze Erwähnung), aber der Schriftsteller Kling ist in QualityLand vielmehr als Mahner gefragt.

Phasenweise erinnert das Buch an den Roman Der Circle von Dave Eggers, der Film Brazil von Terry Gilliam geistert ebenfalls durch den Plot. Einfallsreiche, typische Marc-Uwe Kling-Dialoge- und Szenen bietet QualityLand jedoch immer noch zu Hauf. Wir sind nur einen Schritt von der Kling’schen Dystopie entfernt, lassen wir es nicht soweit kommen. Um einen Tocotronic-Song leicht verändert anzubringen: „Aber dort leben, nein danke!“. Oder, um es mit Che Guevara zu sagen: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ Bücher wie Qualityland von Marc-Uwe Kling helfen einem dabei weiter.

„QualityLand“ von Marc-Uwe Kling ist in zwei Ausgaben erschienen, der dunklen Edition (978-3-550-05015-2) und der hellen Edition (978-3-550-05023-7), Ullstein Verlag, Hardcover, jeweils 18 €.

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