Mick Wall: Die letzten Giganten – Guns N’ Roses – Die ultimative Biografie

Mick Wall: Die letzten Giganten – Guns N’ Roses – Die ultimative Biografie

 

Die letzten ihrer Art

Ihre aktuelle Welt-Tournee, die noch bis Ende November weitergeht und mit einem großen Finale im The Forum im heimischen Los Angeles enden wird, ist ein kolossaler Triumphzug. Und ein Wunder: Dass sie vor allem Axl Rose und Slash noch einmal zusammenraufen und eine Bühne gemeinsam teilen würden, war über Jahre genauso wenig vorstellbar wie 1987 die Annahme, dass die Mitglieder dieser unzähmbaren und grenzenlosen Band überhaupt überleben würden. Doch bis auf Steven Adler, dem eine Tour nicht mehr zuzumuten ist und Izzy Stradlin, der aus ideologischen Gründen ablehnte, sind alle drei Gründungsmitglieder dabei, die vor über 30 Jahren den Ball ins Rollen brachten.

Guns N’ Roses sind die letzte Exemplare einer heute ausgestorbenen Spezies. Wild, roh, gefährlich, unbelehrbar einerseits und unverschämt talentiert und gesegnet andererseits, hatten sie von Anfang an alles, was für Legendenbildung notwendig ist. Während der Rock’n’Roll Mitte der 80er Jahre in einem bedenklichen Formtief steckt und mit Megasellern wie Def Leppard, Bon Jovi und Whitesnake vor allem die Verbindung zur Straße kappt, bringen GNR die alten Tugenden wieder mit und verknüpfen sie mit dem Zeitgeist. Look, Attitüde und Sound zerstören die heile Welt der musikalischen Belanglosigkeit in Sekundenschnelle. Wie ein Virus erobert diese Band den Globus und haucht dem kranken Patienten Rock’n’Roll so locker noch einmal Leben für zehn weitere Jahre ein.

Sounds & Books_Mick Wall_Guns N' Roses_CoverEs ist nicht nur die Musik, die GNR so groß machte. Es sind die Typen, jeder einzelne von ihnen, und die unzähligen Geschichten, in die sie hineingeraten. Viele hat man im Laufe der Jahre schon gehört, in Slashs Autobiografie etwa. Doch es war immer schon anzunehmen, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Und auch, dass Axl & Co. sich selbst nicht an alles erinnern können, was zwischen 1985 und 1995 geschehen ist. Zum Glück gibt es Mick Wall. In der englischen Originalfassung mit dem Titel „Last of the Giants: The True Story of Guns N‘ Roses“ bereits seit einigen Monaten erhältlich, erscheint seine Biografie nun auch hierzulande. „Live like a suicide“, lautete einst das Motto der Band, als sie zu Beginn ihrer Karriere noch alle zusammen im berüchtigten Hell House in Los Angeles lebten. Dort ist Mick Wall ihnen zum ersten Mal begegnet, dort wurde er in ihren inneren Zirkel aufgenommen, bevor Axl Rose ihn Jahre später im Song „Get In The Ring“ öffentlich an den Pranger stellte.

Mit lockerer Sprache und äußerst unterhaltsam erzählt Wall aus seinen Erinnerungen mit der Band. Er reiht Anekdote an Anekdote und lässt den Leser so teilhaben an der Entstehung und Entwicklung der aufregendste Band der letzten 30 Jahre. Bewunderung, Fassungslosigkeit und Wehmut machen sich breit beim Lesen der knapp 600 Seiten. Man kann sich eine Bandbiografie nicht besser ausdenken. Man kann keine interessanteren Charaktere für eine Rock-Band entwerfen. Und das ist das Verrückte: GNR sind aufregender als Fiktion es je sein könnte.

Und gerade aktuell, da sich der Rock ’n’ Roll erneut in schwerer See befindet, sehnt man sich so sehr nach einem Nachfolger dieses Formats. Einer Band, die die Welt erschüttern kann. Wie es mit den Gunners weitergeht, steht in den Sternen. Mit der aktuellen Tour haben sie vielen die Gelegenheit gegeben, dieses Spektakel live zu erleben. Natürlich werden auch die Platten die Band irgendwann überleben. Und vermutlich auch all die Legenden, zusammengetragen in Mick Walls wundervolles Buch.

Mick Wall: „Die letzten Giganten – Guns N‘ Roses – Die ultimative Biographie“, Overamstel Verlag, Kartoniert, 559 Seiten, 9783962410063, 22 €.

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