Interview mit dem Bestsellerautor und Element Of Crime-Sänger Sven Regener

Interview mit dem Bestsellerautor und Element Of Crime-Sänger Sven Regener

 

Sven Regener im Gespräch mit Sounds & Books über seine Romanfiguren, den Deutschen Buchpreis und ein neues Album von Element Of Crime

Mit seiner Band Element Of Crime macht Sven Regner seit über 30 Jahren Musik. Als Schriftsteller trat er erstmals 2001 ins Rampenlicht, als sein vielbeachteter Debütroman Herr Lehmann erschien, dem mit Neue Vahr Süd und Der kleine Bruder zwei weitere Lehmann-Romane folgten. Mit seinem neuen, im August veröffentlichten und bei Sounds & Books besprochenen Bestseller Wiener Straße knüpft der 56-jährige Autor thematisch direkt an Der kleine Bruder an. Auf der Buchmesse war Sven Regner so freundlich, folgende Fragen von Sounds & Books-Redakteur Gérard Otremba (auch Beitragsfoto) zu beantworten.

 

Sven, Dein neuer Roman Wiener Straße stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Wie war Deine Reaktion, als Du davon erfahren hast?

Ich bin von meinen Verlagsleuten einen Tag vorher angerufen worden, die mir gesagt haben, hey du stehst auf der Longlist, darfst aber bis morgen keinem etwas davon sagen. Also habe ich keinem davon etwas gesagt und das war’s dann auch schon. Es ist halt eine Longlist. Allein der Begriff Longlist ist erst durch den Buchpreis in mein Leben gekommen. Ich war vorher mit meinen Romanen nicht auf der Longlist, das war auch nicht schlechter.

 

Aber Du verfolgst diese Buchpreisverleihungen regelmäßig?

Ja natürlich, schon, aber das ist für mich keine Frage von Leben und Tod. Ich habe es nicht unbedingt so mit den absoluten Preisen. Ich habe im Sommer mit Leander Haußmann ein Theaterstück für das Berliner Ensemble gemacht. Das hieß „Die Danksager“, da ging es um den Nobelpreis für Bob Dylan, als es noch nicht klar war, ob er eine Rede hält, oder nicht. In dem Stück streiten sich Bob Dylan-Imitatoren darüber, was der Bob jetzt machen soll. Ich denke, da ist die ganze Problematik ganz gut durchdekliniert.

 

Hast du eigentlich neben dem Romanschreiben und dem Komponieren für Element Of Crime Zeit, zeitgenössische Literatur zu lesen, ob Romane oder Sachbücher?  

Ja, sicher. Aber ich lese nicht, um den Scout zu machen und das zu verfolgen oder um auf der Höhe der Zeit zu sein. Ich denke, das ist in der Kunst uninteressant. Es ist völlig okay, einen Roman zu lesen, der jetzt in diesem Moment erschienen ist und einen der vor zehn Jahren oder vor 2000 Jahren erschienen ist. Es gibt immer noch gute Gründe das Satyricon von Petronius zu lesen. Aber vielleicht habe ich eine déformation professionnelle, wenn man selbst Romane schreibt, liest man wahrscheinlich nicht mehr so unbefangen.

 

Was benötigt ein Buch, um Dich zu begeistern?

Keine Ahnung, da gibt es kein Rezept. Ich lese auch viele Sachbücher, besonders historische Fachbücher. Das habe ich immer schon gerne gemacht, aber das hat natürlich keine Bedeutung für mein eigenes Schaffen. Das wäre ja auch Quatsch. Aber ich habe immer Freude an guten literarischen Stilisten. Ein gutes Beispiel ist Sigmund Freud. Die Traumdeutung ist nicht nur aufgrund des interessanten und aufschlussreichen Sujets so wunderbar zu lesen, sondern auch, weil Freud ein großartiger Stilist ist. Ein großes Stück deutscher Dichtung.

 

Nachdem Dein letzter, nun verfilmter Roman Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt in den 90er-Jahren angesiedelt war, knüpfst Du mit Wiener Straße direkt an Der kleine Bruder, dem Mittelteil der bisherigen Frank-Lehmann-Trilogie an. Was hat Dich gereizt, wieder in das Jahr 1980 zu springen?

Die Idee, die ich hatte. Ich hatte immer schon das Gefühl, dass das Ende von Der kleine Bruder eine perfekte Situationskomödienausgangslage ist. Die sollen in die Wohnung über der Kneipe ziehen, in der einer von denen noch arbeitet, zwei sind Künstler, eine Punk-Göre und Frank Lehmann als neutraler Typ, der versucht, sich sozial anzugleichen. Zusammen mit Erwin Kächele und dem verrückten Nachbarn ist das eine phantastische Ausgangslage für eine Sitcom. Und so eine Art Roman ist es auch geworden. Sehr komödiantisch, sehr viel Situationskomik, Slapstick und das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Es ist die Idee, aber oft sind auch die Figuren inspirierend. Ich fand schon immer, dass in Erwin Kächele beispielsweise noch sehr viel drinsteckt, oder in H.R Ledigt, diesem Freak vor dem Herrn. Man erfindet neue Figuren und lässt sich wiederum von denen inspirieren. Und so war das auch hier der Fall.

 

Man merkt, dass es Dir Spaß zu machen scheint, mit den bereits früher, zumeist bei Herr Lehmann eingeführten Figuren zu arbeiten, zu spielen. Hast Du Deine Figuren im Lauf der Zeit so lieb gewonnen, dass Du Dich gar nicht mehr von ihnen trennen möchtest?

Nein, das wäre jetzt zu manisch, aber mir kommen die Ideen für die Romane nun mal über die Figuren. Insofern haben diejenigen, die bereits da sind, einen deutlichen Vorteil gegenüber solchen, die noch nicht existieren und erst erfunden werden müssen. Im Prinzip ist natürlich alles aus dem ersten Kapitel von Herr Lehmann, das mal als Kurzgeschichte angelegt war, rausgewachsen. Da gibt es den Typen, der von einem Erwin redet, dem er die Schnapsflasche geklaut hat und damit den Hund betrunken macht. Und dann erfindet man neue Figuren hinzu und so habe ich nie das Gefühl, immer nur mit demselben Personal zu arbeiten. Und bei Magical Mystery ist es letztendlich nur Karl Schmidt, der aus früheren Romanen bekannt ist, aber Typen wie Ferdi und Raimund wiederum sind ganz neu. Wenn man bei dieser Geschichte bliebe, könnte man sich beim nächsten Roman beispielsweise damit beschäftigen, wie es mit der Band Glitterschnitter war, die Raimund und Ferdi mit Karl Schmidt irgendwann mal hatten. Und so kommen dann die Ideen zusammen.

 

Mit dem Setting von Wiener Straße besteht nun aber die Möglichkeit, weitere Fortsetzungsromane, eine Art Chronik der 80er, zu schreiben. Hast Du so etwas angedacht?

Nein, das nicht. Ich habe mit Magical Mystery den Beweis angetreten, dass ich auch ein Buch schreiben kann, das Mitte der 90er Jahre angesiedelt ist. Aber letztendlich ist es natürlich so, dass ich in eine Situation komme wie P.G. Wodehouse, der immer über die Jungs in den edwardianischen Jahren schreibt. Und das ist ja auch in Ordnung. Er ist ein großartiger Autor. Ich habe weder das unbedingte Bedürfnis, genau da weiterzumachen, noch habe ich das Bedürfnis, mich davon zu distanzieren und etwas ganz anderes zu machen. Beides wäre mir zu unfrei.  Man muss abwarten, was sich an Ideen ergibt.

 

Erinnerst Du Dich noch an das Literarische Quartett von 2001, als dort Herr Lehmann besprochen wurde? Wie hast Du den Abend verbracht? Der Roman ist ja, soweit ich mich erinnern kann, durchweg positiv besprochen worden.

Ja, ich erinnere mich gut. Meine Verlagsleute Esther Kormann und Wolfgang Hörner, damals noch Eichborn Berlin, heute machen sie ja Galiani bei Kiepenheuer & Witsch, waren bei mir und zusammen schauten wir uns die Sendung an. War natürlich super.

 

Es herrschte also eine gute Stimmung.

Na klar. Man darf aber nicht vergessen, dass alle Bücher an dem damaligen Abend positiv besprochen worden sind, meins jedoch kontrovers, es gab eine starke Gegenstimme von Iris Radisch, so wurde das Buch sozusagen nochmal extra hervorgehoben. Ich bin Hellmuth Karasek zu großem Dank verpflichtet, der meinen Roman in die Sendung gebracht hat.

 

Nun hast du vorher bereits so ungefähr 15 Jahre lang Musik mit Element Of Crime gemacht und mit dem Erfolg Deines Romans Herr Lehmann ist gleichzeitig auch der Bekanntheitsgrad Deiner Band gestiegen, oder?

Naja, nicht so wesentlich. Ich denke, man kann da keinen direkten Zusammenhang erkennen. Letztendlich ist es so, man kann die Bücher gut finden und die Musik doof und umgekehrt. Sicherlich ist die Neugier gegenüber der Band gestiegen, weil im Klappentext drin stand, dass ich Sänger der Band Element Of Crime bin. Aber ob die Leute dann die Musik auch mögen, liegt dann schon bei ihnen selbst. Man kann das eine nicht für das anderein Geiselhaft nehmen. Das wäre auch der Band gegenüber unfair. Wir waren auch damals schon relativ erfolgreich und verkauften immer so 60 bis 70.000 Platten. Ich hatte auch keinen Promistatuts und die Band hieß nicht plötzlich Sven Regener und die Domspatzen, oder so. Die Band hieß und heißt nach wie vor Element Of Crime und ich war und bin einer von vieren.

 

Im Jahr 2001 erschien nicht nur Dein erster Roman Herr Lehmann, sondern auch das Element-Album Romantik. Danach folgte eine abwechselnde Veröffentlichung zwischen Buch und Platte. Behältst Du diesen Rhythmus so bei?

Es war damals sehr anstrengend, zumal ich als Sänger dann auch viel Promo für Element of Crime machen musste und gleichzeitig kam das Buch, das war hart. Letztendlich kann ich auch nur Songs schreiben, wenn ich keinen Roman schreibe und einen Roman, wenn ich keine Songs schreibe, sonst findet zu viel im Kopf statt. Auch deshalb ist der abwechselnde Rhythmus schon sehr vernünftig. Wir haben im Jahr 2000 sehr wenig mit der Band gemacht, da hatte ich dann Zeit für den Roman, der im Herbst 2001 erscheinen sollte. Mit dem war ich dann fertig und anschließend gingen uns viele neue Songs relativ leicht von der Hand und so beschlossen wir, das Album ebenfalls noch im Herbst 2001 herauszubringen. Das war dann aber arg viel auf einmal.

 

Jetzt sind wir schon beim Thema Musik. Das Buch ist ja nun veröffentlicht, seid ihr denn mit Element Of Crime wieder fleißig dabei, neue Songs zu komponieren?

Oh ja. Wir haben diesen Sommer bei einigen Konzerten schon ein, zwei neue Songs gespielt. Ich denke, wenn wir im Herbst nächsten Jahres mit der neuen Platte herauskämen, dann wäre der Abstand zur letzten vier Jahre, das ist dann schon okay.

 

Und mit dem neuen Roman gewinnst Du dann den Deutschen Buchpreis?

Nein. Ich denke, so ist da auch nicht gemeint. Der Deutsche Buchpreis wird u.a. auch an Autoren vergeben, die noch nicht so etabliert sind und ihnen die Möglichkeit eröffnet, nach vorne zu kommen. Das ist auch ein vernünftiger Ansatz, da muss ich dann nicht diesen Preis bekommen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

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